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Siegfried Essen, Aron Saltiel: Autopoietische Aufstellungsarbeit revisited

Siegfried Essen, Aron Saltiel: Autopoietische Aufstellungsarbeit revisited (1)

Was ist autopoietische Aufstellungsarbeit? Versuch einer Definition
Autopoietisch ist für uns ein Aufstellungsgeschehen, in welchem alle Repräsentanten mehr und mehr in die Präsenz des aufgestellten Systems (nicht in ein Konzept vom System) gehen. Sie finden und erfinden ihre gemeinsame aktuelle Wirklichkeit. Sie tun das, indem sie alle vorgefassten Urteile und Konzepte über das System aufgeben und statt dessen die Ideen und Impulse, die aus der aktuellen Beteiligung am System entstehen, experimentell erproben. Die experimentelle Haltung der Repräsentanten macht sie nicht nur präsenter, sondern führt auch in eine erhöhte Sensibilität für Wirkungen und Rückwirkungen der eigenen Aktivitäten im Ganzen. Die Sensibilisierung ereignet sich auf verschiedenen Wahrnehmungskanälen und Ebenen. Deshalb ist es wichtig, die Repräsentanten zu ermutigen, mit all ihren Mitteln, den körperlichen und sprachlichen, frei zu experimentieren.
Eine Lösung im autopoietischen Sinne ist dann erreicht, wenn alle Teile des Systems, auch die zu Beginn negativ konnotierten, sich als frei und Zugehörig zum Ganzen fühlen, das heißt wenn sich alle lebendig und integriert wahrnehmen und verhalten.
Sobald die Lebendigkeit des Ganzen aufscheint, wird der Aufstellungsprozess abgebrochen und das System sich „Selbst“ überlassen.

1. Die Haltung des Leiters/Gastgebers²: Gewaltlosigkeit
Autopoietische Aufstellungsarbeit ist weniger eine Methode als vielmehr eine Haltung und eine Art und Weise der Durchführung von Systemaufstellungen, die ermöglicht, systemische Veränderungsprozesse zu unterstützen, die unaufhörlich von selbst entstehen, wenn man sie nicht daran hindert. Diese Haltung besteht vor allen Dingen in einem entschiedenen Verzicht auf Gewalt. Unter Gewalt verstehen wir nicht nur körperliche Gewalt oder autoritäre Anweisungen, sondern auch Bewertungen, Suggestionen, Mystifikationen, die nicht dem sich entwickelnden System entspringen, sondern der Ideenwelt eines Außenstehenden, und sei er oder sie noch so erfahren oder intuitiv. Eine solche Haltung radikaler Gewaltlosigkeit (im Sinne Marshal Rosenbergs³) anerkennt und respektiert die Entscheidungsfreiheit aller Beteiligten und ist voller Vertrauen in die selbstschöpferischen (autopoietischen) Kräfte des Systems.

Wir könnten die Haltung des Leiters einer autopoietischen Aufstellung mit Laotse als ein "Handeln durch Nichthandeln" charakterisieren:
„Denkst du wohl, du kannst das Universum in die Hand nehmen und es vollkommener machen? Ich glaube nicht, dass sich dies tun lässt.
Das Universum ist heilig. Vollkommener machen kannst du es nicht.
Wenn du es zu verändern suchst, wirst du es zu Grunde richten.
Wenn du es festzuhalten versuchst, wirst du es verlieren.“(4)

Dies ist eine Art und Weise des "Führens" , die jedes System als ganz und vollkommen erkennt, wie das Universum selbst. Wir repräsentieren deshalb bei jeder Aufstellung die Dimension der Ganzheit und Verbundenheit in Form des Selbst oder eines anderen universellen Ganzheitsmodells (Medizinrad, Ahnenreihe, drei Glaubenswege, vier Elemente usw.).

Es geht dann in therapeutischer und Aufstellungsarbeit weniger um das Erarbeiten als vielmehr um das Erkennen von Lösungen, um das Bewusstwerden des nächsten Entwicklungsschritts im Strom des Ganzen. Der Leiter hat dabei keineswegs den Anspruch, als einziger unter den Anwesenden das Geheimnis der „Lösung“ zu besitzen, noch die Verantwortung für die Schritte, die dazu führen. Diese Haltung ermöglicht die Führungsqualität der Demut: Leiten ohne Einmischung, ohne Anstrengung und ohne Gewalt. Die Quelle aller Kraft und aller Veränderung ist ja bereits repräsentiert. Der Gastgeber kann sich auf die Kontextfunktion der Leitung beschränken, und die Inhaltsebene, das heißt die Entwicklung der speziellen Lösung, getrost dem System überlassen. Die Intelligenz und Intuition eines vollständigen Systems ist stets größer als die eines Einzelnen. (Demut, so könnte man sagen, heißt das Ganze wahrnehmen und sich als Teil spüren und verhalten.) Autopoietische Aufstellungsarbeit ist also nur möglich, wenn zumindest der Leiter die spirituelle Dimension des Systems anerkennt und mit der konstruktivistisch-systemischer Sichtweise vertraut ist.

Die Repräsentation des größeren Ganzen: Defokussieren
Welche tiefere Bedeutung hat nun die Repräsentation und Aufstellung des größeren Ganzen in einem System? Dazu können wir etwas aus der Geschichte der Aufstellungsarbeit berichten: Es war bereits Ende der achtziger Jahre, als einige der ersten Schüler Bert Hellingers ihre Affinität zur Philosophie des radikalen Konstruktivismus  in ihren Aufstellungen zum Ausdruck brachten, indem sie zum Anliegenbringer sagten: "Du hast ein Problem. Aber du bist es nicht. Du bist nicht ständig damit befasst, es ist eine (vielleicht sehr störende) Fokussierung deinerseits. Du bist aber viel mehr als dies Problem."

Diese Gruppe von Aufstellungsleitern, unter anderem der Autor S.E., nannten deswegen den Repräsentanten des Anliegenbringers "Fokus". Nach einiger Zeit fragte sich der Autor, warum er nur den Fokus aufstellte und nicht auch die viel größere Wirklichkeit des Defokussierens. Und so begann er damit zu experimentieren, die Ganzheit  des Einzelnen mit aufzustellen und nannte sie "Selbst" . Bald merkte er, wie dieser scheinbare Machtverzicht des Leiters eine Aktivierung der selbstschöpferischen Kräfte des Systems nach sich zog. Die Leitung wurde immer einfacher, weil sie nun darin bestand, die Repräsentanten des Systems an ihre Selbstmächtigkeit und Freiheit zu erinnern.

Schon die erste Intervention direkt nach der Aufstellung der Repräsentanten konnte dann etwa so lauten: "Erinnert euch an eure Freiheit, eure Beweglichkeit, eure Fähigkeit euch auszudrücken, um euch einen guten Platz zu suchen." Im Grunde bestehen die Anweisungen des Leiters nur aus zwei Teilen: „Such dir deinen Platz, deine spezielle Funktion im Ganzen“. Damit erinnert er die einzelnen Repräsentanten an ihre Einbindung und Bezogenheit zum größeren Ganzen, der Selbstqualität. Und: „Du bist frei“, wodurch er die Repräsentanten an ihre Ichqualität erinnert, das heißt dass alles, was sie tun oder lassen, Aktivität ist und ihre Wahl.

Die grundlegende Differenzierung zwischen Ich und Selbst, unseres Getrennt-Seins und unseres Ganz-Seins, die in jeder autopoietischen Aufstellungsarbeit vorausgesetzt wird, macht es unmöglich, sich nur mit einer dieser beiden Qualitäten zu identifizieren. So entsteht allmählich ein Bewusstseinszustand der Desidentifikation (Assagioli), des Zeugenbewusstseins (Buddhismus). Der freie Wechsel zwischen Identifikation und Desidentifikation, zwischen Ich und Selbst, ist vielleicht die zentrale Form, in der uns ein freier Wille zur Verfügung steht. Die Aufgabe des Ausstellungsleiters besteht dann vor allen Dingen darin, die Repräsentanten an ihre Freiheit und Selbstverantwortlichkeit zu erinnern. Er kann zum Beispiel zu einem Repräsentanten, der in Bewegungslosigkeit erstarrt ist, sagen: „Ob du nun an diesem Platz stehen bleibst, oder dich bewegst, es ist deine Wahl. Selbstverständlich kannst du noch jahrelang dort stehen bleiben. Du bist frei!“ Jeder der das hört und versteht, wird aus einer Opferhaltung in das Bewusstsein der Selbstmächtigkeit in Verbundenheit geführt. Jeder Ist-Zustand bekommt Sinn, womit nochmals deutlich wird, dass diese Ich-Selbst Differenzierung den Sinn und die transpersonale Dimension des Systems offenbart.

Die Interventionen des Leiters: Erinnern und Bewusstmachen
Die Interventionen oder Nichtinterventionen des Leiters einer autopoietischen Aufstellung haben nur einen Zweck: daran zu erinnern und bewusst zu machen, dass alles, was jeder einzelne tut oder lässt, seine Wahl ist und jede Opfervorstellung eine Illusion ist. Deswegen lautet die erste und wichtigste Ansage in Kurzform so: "Du bist frei, such dir deinen Platz im Ganzen."

Manchmal schweigen wir auch einfach und überlassen so den Teilnehmern die allmähliche und manchmal sehr herausfordernde Erkenntnis, dass ihnen hier kein Experte zur Verfügung steht, der mehr über sie weiß als sie selbst. Nun müssen sie als ersten Schritt natürlich herausfinden, ob das wirklich ernst gemeint ist und nicht doch Zurechtweisung oder Ausschluss drohen, wenn sie sich unbotmäßig verhalten. Wird aber das Experimentieren vom Leiter nicht bestraft, sondern unterstützt, so folgt überraschend schnell die Entwicklung des eigenen Spürbewusstseins und der Selbstmächtigkeit.
Was aber macht der Leiter mit seiner eigenen Freiheit und Kreativität und Intuition? Er beobachtet defokussiert, aber mit Mitgefühl und ohne Drang etwas zu bewirken. Seine Beobachtungen kann er nutzen, indem er sie äußert: "Du tust einen Schritt zurück, war das gut oder eher nicht gut für dich?"

Der Leiter kann auch einmal unterbrechen und jeden Repräsentanten reihum fragen: "Was hast du bisher über dich gelernt? Was hast du getan oder gelassen? Und was von dem hat sich gut angefühlt. Was weniger gut?" Auch mit solchen Formulierungen macht der auf die selbstschöpferische Verantwortung jedes Systemmitglieds aufmerksam, ermutigt und unterstützt die freie Wahl. "Ihr könnt auch reden," sagt er, wenn lange nicht geredet wurde und er vermutet, dass sich eine Rede-Tabu eingeschlichen hat. Genauso kann er auch umgekehrt darauf aufmerksam machen, wenn viel geredet wird und wenig gehandelt.

Wenn wir Aufstellungsleiter aber den deus ex machina spielen, ignorieren wir die Selbstmächtigkeit des Systems und bleiben im Mangelbewusstsein. Das Perfide daran ist, die Konsumenten zahlen für ihre Entmachtung und Entfremdung nicht nur mit Euro, sondern auch durch Verzicht auf Kraft, Kreativität und Lebensfreude und merken es oft nicht einmal. Es könnte sein, dass durch die Anmaßung der Bedürfnisbefriedigung durch wohlmeinende Therapeuten mehr kaputt geht als heilt.

Eine andere Variation der Anfangsinstruktion für die autopoietische Aufstellungsarbeit ist z.B.: „Bewegt euch, trefft Unterscheidungen. Nur durch Ausprobieren, nicht durch Denken, könnt ihr merken, was für euch in diesem System passt, und was nicht passt. Findet und erfindet so euren Platz im Ganzen, und welchen Sinn es macht, dass du dabei bist.“ Diese Instruktion fordert die Produktion von repräsentierender Wahrnehmung heraus. Es gibt keine andere Möglichkeit, das Ganze zu erkennen. Und so entstehen Lösungen auf einer sehr tiefen und allgemeingültigen Ebene. Wir machen damit bewusst, dass jeder die Wahrnehmung dessen, was im jeweiligen Kontext sinnvoll ist und was nicht, für sich selbst durch Probehandeln und –sprechen , also durch Versuch und Irrtum erzeugen kann. "Du kannst nicht wissen oder dir ausdenken, was gut für dich ist, du kannst es nur ausprobieren."
Manchmal unterbrechen wir auch explizit den Vorgang um jeden Einzelnen zu fragen, „was hast du getan oder gelassen, was dir gut getan hat und was hast du getan oder gelassen, was dir nicht gut getan hat?“ Dabei reframen wir alles Gesagte als Aktivität.

Eine wichtige Intervention in diesem Zusammenhang ist das Lachen. Wenn jemand sagt, „ich kann nicht“ oder „ich musste“ oder „ich bin gelähmt“, dann betrachten wir das als guten Witz. "Jeder hier im Raum hat gesehen, wie du auf deinen zwei Beinen an diesem Platz gegangen bist." Hier braucht man nur ein wenig gesunden Menschenverstand und Distanz anstelle von zu viel Einfühlung.
Begeisterung und Freude stellen sich oft ein bei der Beobachtung und bei der Durchführung der Autopoiese. Auch die erfahrensten Therapeuten können nicht vorhersehen, was dabei geschieht. Es ist eine Freude auch für den Leiter, zu erleben, wie seine Konzepte und Hypothesen auftauchen und zerplatzen wie Seifenblasen (oder wie die Gedanken bei der Meditation). "Siehe, ich mache alles neu!" (Offb. 21,5) So lautet die letzte Selbstdefinition Gottes in der Bibel.

Folgerichtig führt Aufstellungsarbeit auch nicht zu endgültigen Lösungen. Sie führt, recht verstanden, in eine Zunahme von Freiheit und Selbstverantwortung. Und das Unterbrechen einer Aufstellung ist keine Katastrophe oder Bestrafung, sondern die Bestätigung dafür, dass wir in Bewegung gekommen sind. 

Wir sagen nicht, dass dies nur in Aufstellungen geschieht, die explizit autopoietisch geleitet werden. Wir sagen aber, dass überall wo Freude und Begeisterung entstehen, Erneuerung und Befreiung am Werke sind, während Macht und Gewalt aufgelöst werden.

Die Entwicklung der Repräsentanten: den Platz im Ganzen finden
Betrachten wir Aufstellungsarbeit als autopoietisches Spiel, so bekommt die Repräsentation ein größeres Gewicht. Das Re-präsentieren ist für unsere Seele wichtiger und fundamentaler als die so genannte Lösung. Genauer gesagt: Das Repräsentieren ist die Lösung. Die körperlich-seelisch-geistige Repräsentation einer Rolle, die repräsentierende Aktivität, erlaubt es uns, am Leben von Systemen teilzunehmen, kreativ und authentisch und doch nicht identifiziert. Die menschliche Identifikation schafft eine künstliche Verbundenheit („Anhaftung“ im Buddhismus). Im Rollengewahrsein ist aber beides gleichzeitig möglich: Verbundenheit und Getrenntheit. Dabei entsteht nicht nur tiefes Wissen, sondern auch schöpferische Intuition. Wir finden und erfinden unseren Platz und unsere Funktion im Ganzen, das ist unser Wesen.

Entscheidend für die Wirksamkeit der Aufstellungsarbeit ist die Entwicklung und Schulung des Spürbewusstseins aller, das allmähliche Vertrauen in die Wahrnehmung, die Resonanzfähigkeit und Selbstmächtigkeit des Einzelnen im Ganzen. Dies gilt für alle, die ausgeschlossenen und die eingeschlossenen Systemteile, die Zuschauer, den Protagonisten und den Leiter. Jeder und jede findet zu seinem Platz, zu seiner Funktion für das Ganze. Wesentlich ist die Erkenntnis, dass dieser Prozess niemals durch systemimmanentes / problembezogenes Denken, sondern nur durch Verkörperung und Probehandeln vollzogen werden kann. Zielbezogene oder lösungsorientierte Anweisungen eines Leiters untergraben geradezu diesen Lernprozess, denn jeder Entwicklungsschritt eines Einzelnen wird dadurch der Intuition oder Kraft des Leiters zugeschrieben und nicht der Selbstmächtigkeit des Einzelnen. Mit solcher Manipulation für einen guten Zweck steht die nicht-autopoietische Aufstellungsarbeit voll im Trend politischer, sozialer und psychischer Entmündigung unserer modernen Expertokratie.  Abhängigkeit und Mangelbewusstsein werden geschaffen und der Aufstellungsleiter wird zum geistigen Meister mystifiziert. Gewaltlosigkeit und Machtverzicht scheint auch in der Aufstellerszene eine gute Alternative für unsere Zeit zu sein.

Autopoietische Aufstellungsarbeit geht davon aus, dass jeder Repräsentant die volle Kompetenz zur intuitiven Wahrnehmung seines Platzes und seiner Funktion im System besitzt, dass unsere transpersonalen Qualitäten aber meist vom Werbe-Rauschen unserer Persönlichkeit überdeckt sind. Autopoietische Aufstellungsarbeit kann nur funktionieren, wenn ein Ausstellungsleiter der Intuition der Repräsentanten ebenso traut wie der eigenen. Die fundamentale Annahme der vollen Kompetenz einer Person, sobald und sofern sie sich in der Desidentifikation vom eigenen Person-Muster befindet, kann am Beispiel des yogischen Persönlichkeitsmodells folgendermaßen begründet werden: intuitive Wahrnehmung gehört wie alle Chakren-Kräfte (von oben nach unten aufgezählt: Inspiration, Intuition, Kreativität, Mitgefühl, Kraft, Sexualität und Erdung) zur Grundausstattung jedes Menschen, wird aber von den meisten Menschen wenig in Gebrauch genommen und genutzt. Diese frei verfügbaren Gaben werden viel mehr im Lauf der Person-Bildung zu positiven oder negativen Anhaftungen und "Eigenschaften". Sie werden in Besitz genommen oder abgewehrt. Wir sagen dazu „Ich“, meinen unsere Persönlichkeit als die Summe unserer Identifikationen. Der größte Teil unserer Lebensenergie wird bei der Sisyphusarbeit verbraucht, diese Konstruktion "Ich" aufrechtzuerhalten. Denn ohne ständige, bewusste oder unbewusste Vergewisserung fällt sie sofort in sich zusammen. Franz Kafka hat sie sehr treffend als tragbares Gefängnis beschrieben.

Auf diesem Hintergrund ist der bedeutendste Schritt der Aufstellungsarbeit die Externalisierung, die Übernahme einer fremden Identität, die uns augenblicklich von der anstrengenden Tätigkeit befreit, uns und anderen die Kontinuität unserer Persönlichkeit zu beweisen und unsere Eigenschaften und Abwehrmechanismen aufrecht zu erhalten. Denn sie sind nichts als gedankliche Konstrukte. Mit anderen Worten: Als Repräsentanten finden wir uns plötzlich frei und ungehindert in unserem ursprünglichen Ressourcenzustand wieder: intuitive Wahrnehmung, Selbstmächtigkeit, Kreativität und Mitgefühl. Wir können es erst gar nicht glauben und schauen uns um nach Instruktionen von außen oder versuchen uns den Charakter der neuen Rolle ins Gedächtnis zu holen. Das aber wäre neuer Wein in alte Schläuche!

Immer wieder erinnert der Leiter die Repräsentanten an ihre Freiheit und ihre wesentlichen Kompetenzen. Ein Gastgeber für einen solchen selbstschöpferischen Prozess wird sich im Laufe einer einzigen Aufstellung vieler wunderbarer Konzepte über mögliche Lösungsschritte bewusst werden und fast alle wieder fallen lassen (!) zu Gunsten der Selbstorganisation des Systems. Die Hauptaufgabe des Leiters einer autopoietischen Aufstellung ist also das Loslassen eigener Konzepte. Genauer gesagt, sie werden ihm als Hypothesen und kreative Ideen bewusst, die nicht besser sind als alle anderen. Alle Ideen aber, ob sie nun vom Leiter oder einem Repräsentanten stammen, erweisen sich nur durch verkörperndes Handeln  als weiterführend oder nicht. Externalisieren und Verkörperung sind die Mittel, den Körper wieder als Medium und Werkzeug für Gewahrsein und Präsenz einzusetzen.

Autopoiese fordert die Repräsentanten heraus zum Wahrnehmen und Entwickeln einer fließenden „Identität“ innerhalb eines zunächst noch unbekannten Systems, das sich mit ihnen wandelt, zur Hingabe und zum Mitwirken an einem lebendigen Ganzen. Die Lebendigkeit eines Systems wird wieder gefunden und neu geschaffen. Autopoiese ist ja nach Maturana und Varela (aaO) ein Kennzeichen allen Lebens. Was sich da entwickelt ist gemeinsame Neuschöpfung, nicht vorhersehbar und nur zum Teil machbar.

Die Bedeutung Gruppe: Gebet
Aufstellungsarbeit wird meist in Gruppen vollzogen. Das ist nicht ohne Bedeutung. Im Konzept der autopoietischen Aufstellungsarbeit bildet der Kreis aller Nicht-Repräsentierenden die Form einer Ganzheit und jeder einzelne Zuschauer einschließlich des Leiters ist Teil dieser Ganzheit. Der Kreis steht für die transpersonale Dimension, er ist außen, das System ist innen. Und wiederum ist es sinnvoll diese Position zu halten ohne Einmischung (aber nicht ohne Kontakt). Wird diese Form nicht gehalten, und es wird im Laufe des systemischen Prozesses notwendig, personale oder soziale Grenzen zu überschreiten bzw. zu transformieren, so treten die Wände des Seminarraumes in diese Funktion ein, und Systemteile müssen durch Türen hinausgehen. Die zuschauenden Teilnehmer aber werden um diese Erfahrung gebracht.

Wir fordern in unseren Seminaren vor jeder Aufstellung alle auf, aufzustehen, einen Kreis zu bilden und sich an den Händen zu halten. Dann spricht der Leiter die folgenden Worte: "Wir bitten um den höchsten Gewinn für X (Name des Anliegenbringers), für uns alle und für alle Wesen". Oder: "Wir bitten, dass uns das Gute bewusst wird für X, für uns alle und für alle Wesen". In der jüdischen und der frühchristlichen Tradition gilt die Bitte um die Offenbarung (Bewusstwerdung) des Guten, der „Herrschaft Gottes“ als zentrales Gebetsanliegen. Daan van Kampenhout betont diese Funktion des Plenums, nennt sie „Gebet“ und fordert die Zuschauer auf zu beten.


Gebet, das heißt eine Haltung, die für das Vorhandene das Beste wünscht. Sie beinhaltet den quasi multifokalen oder defokussierten Blick, mit dem der Problem- und der Lösungszustand zugleich wahrgenommen werden. Das Gegenteil davon wäre ein monofokaler Blick, der auf den Problemzustand gerichtet, das Problem stabilisiert, und allein auf die Lösung gerichtet, Leugnungs-, Beschwichtigungs- oder Vermeidungstendenzen verstärkt. Gebet in diesem Sinne ist eine  Beziehungsaufnahme ohne Einmischung und gleichzeitig eine Übergabe an das größere Ganze. Durch dieses laut gesprochene Gebet (man muss es nicht unbedingt Gebet nennen) wird deutlich, wer die Verantwortung für die Aufstellung trägt.

Einen Abschluss werden wir erst dann einleiten, wenn es allen gut geht und sie zu ihrer lebendigen Funktion im Ganzen gefunden haben. Aber auch das wird nicht der Leiter beurteilen, sondern abfragen. Und wenn von irgendeiner Person nicht ein hundertprozentiges ja kommt, fordert er sie auf, sich nicht vorzeitig zufriedenzugeben. "Denn du gehörst dazu, auch wenn du zu Beginn einen negativen oder Symptom-Namen hattest. Finde und zeig uns deinen Dienst am Ganzen, deinen neuen Namen". Wir merken gerade an dieser Sequenz, wie wichtig Sprache sein kann, wie sie aus geistiger Fixierung befreien kann. (Deshalb der notwendige Wechsel zwischen verkörpertem Handeln und sprachlicher Bedeutungsgebung.) Die Systemteile finden sich in ihrer Funktion, ihren Beitrag und Dienst am Ganzen. Und wir streben an, dass sie diesen Wandel sich selbst zuschreiben und nicht einem äußeren Experten. Sie finden sich neu und verändern durch ihren Beitrag das Ganze. Das ist Autopoiese.

Am Ende der Aufstellung stellen wir uns erneut in den Kreis, erlauben allen wieder in ihre Alltagsrolle zu schlüpfen, die damit auch zu einer Rolle, einem Kleid oder Maske erklärt wird und nicht zu einem Gefängnis. (Rollenwechsel statt Entrollen) Wir erlauben uns das, was uns bewusst geworden ist und nährt, aufzunehmen, und das was wir im Moment nicht gebrauchen können, los zu lassen. Und schließlich bedankt sich der Kreis beim Anliegenbringer und der Anliegenbringer beim Kreis.

Abschluss
Aufstellungsarbeit als Ressourcenorientierung zweiter Ordnung, als Erinnerung an die Freiheit und Verantwortlichkeit des Einzelnen in und gegenüber dem Ganzen wird damit zunehmend weniger Therapie und viel mehr Ritual und Fest. Sie feiert die Wiederentdeckung unserer Quelle, des Selbst. Problemlösungen, soziale Verbesserungen oder körperliche Heilung sind (erwünschte aber nicht notwendige) Nebenwirkung dieses Befreiungs-, Erleuchtungs- oder Bewusstseinsprozesses. Im Tanz um diese Quelle werden dann nach und nach alle Verletzungen und Traumata integriert, und zwar nicht durch weitere Fokussierung darauf, sondern durch Defokussierung, durch Desidentifikation. Eine Art Schubumkehr in der Leitung von Systemen und Gemeinschaften: vom mächtigen Eingreifen des Leiters zum liebevollen, gewaltlosen und freilassenden Wahrnehmen und Vertrauen. Die größere Macht erweist sich in der Ohn-Macht.

Anmerkungen:
1.  Dieser Artikel ist als Ergänzung gedacht zu: Essen, S.: Autopoietische Aufstellungsarbeit. In: Praxis der Systemaufstellung 2/2003 S.34-39
2.  Wir verwenden hier  „Leiter“ gleichbedeutend mit Leiterin und GastgeberIn. Ebenso „Anliegenbringer“ mit Anliegenbringerin und KlientIn.
3.  Marschall B. Rosenberg(2005): Den Schmerz überwinden, der zwischen uns steht. Paderborn (Junfermann)
4.  Laotse (1984): Tao Te King (übersetzt: S. Luetjohann). München (Hugendubel) Kap.29. Laotse wendet sich mit seinen Weisheiten ausdrücklich an die Führer einer Gemeinschaft.


 

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