Siegfried Essen
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Leben wir denn nur unser eigenes Leben?

Vortrag, Gmunden 8.11.2007, Siegfried Essen

„Zu lieben, nicht zu hassen bin ich da“. An diesem Satz der Antigone fasziniert mich vor allem die Entschiedenheit. Sie weiß, wozu sie da ist und setzt ihr Leben dafür ein. Gleichzeitig gruselt mir davor. Vor dieser Radikalität, die so genau weiß, was zu lieben und was zu hassen ist. Erinnert mich an Terroristen und auch an die Fundamentalisten meiner Ursprungsfamilie, beziehungsweise an meine eigene fundamentalistische Zeit 1968, wo ich mir sehr avantgardistisch vorkam, aber eigentlich nur die Welt retten wollte. Missionarisches Sendungsbewusstsein ohne Erdung, das heißt ohne konkrete Liebe zu den Menschen. Vielleicht ist der Unterschied der, dass es nicht um Wissen um Liebe geht, sondern um Leben in Liebe. Nur bei einer geerdeten Liebe empfinden wir die Radikalität des ganzen Einsatzes angemessen, den Mut, das eigene Leben aufs Spiel zu setzen.

Hat sich das leidenschaftliche Leben eines Martin Luther King gelohnt, eines Mahatma Gandhi, eines Gautama Siddhartha, eines Jesus von Nazareth? Heute nennen wir sie Avantgardisten ihrer Zeit, aber damals waren sie Abgefallene, aus der Rolle gefallene, vom Hass ihrer Zeitgenossen verfolgte, die ihr Leben eingesetzt haben für eine konkrete Form der Liebe und der Freiheit.

Ich möchte heute darüber sprechen, dass Liebe und Freiheit, wenn sie konkret werden und auf die Erde kommen, eins sind. Und dafür lohnt sich ein leidenschaftliches Leben oder viel mehr, das ist Leben. Was ist Leben denn anderes als die konkrete materielle Realisierung von Liebe und Freiheit?

Und das muss ich zuerst in mir selbst fertig bringen. Wenn ich im eigenen Haus, im Bereich des Ich-Selbst nicht im Stande bin, Liebe und Freiheit zu realisieren, wo dann? Sicher fängt man erstmal damit an, die großen Avantgardisten zu imitieren, aber irgendwann landet man dann doch konkret bei sich selbst.

Eine chassidische Geschichte erzählt: Als Rabbi Sussja im Sterben lag, fragten ihn seine Schüler: Hast du denn gar keine Angst? Rabbi Sussja gab zur Antwort: Wenn ich an all die Großen und Bedeutenden denke: an Mose und Abraham und Jeremia, dann wird mir schon Angst. Aber ich bin gewiss: Gott wird mich in der kommenden Welt nicht fragen: Warum bist du nicht Mose, Abraham oder Jeremia gewesen, sondern: Warum bist du nicht Sussja gewesen? Wir sind also gefragt, lebst du in aller Leidenschaft und unter Einsatz seines Lebens - dich selbst.

Was ist das für ein Paradox, Leben unter Risiko des Lebens? Hat das Jesus gemeint mit dem Satz: Wer sein Leben festhält, der wird es verlieren, und wer es verliert um meinetwillen, der wird es gewinnen. (Nicht um einer Idee willen, sondern um der konkreten Liebe zum Menschensohn willen.) Das ist die paradoxe Wirklichkeit der Selbstliebe, die man nicht wissen oder haben kann, sondern nur konkret vollziehen, durch bewusstes da sein.

Wir berühren hier den Unterschied zwischen Identifizierung und Liebe, zwischen Anhaftung an eine Rolle, Idee oder Eigenschaft und liebevoller Ressourcen-Verwaltung. Bei einer Aufstellung in einer fremden Rolle fällt es uns meist leicht, uns als VerwalterInnen dieser Rolle oder dieser Eigenschaft zu sehen ohne Identifizierung damit, sondern sie in das jeweilige System einzubringen, bis sie gesehen und gewürdigt wird und ihren Platz bekommt. In unserem eigenen Leben, das wir ja meist als eine einzige Identität ansehen, fällt es uns oft schwerer loszulassen.

Im Rahmen einer Bühne, sei es im Theater, im Bibliodrama, in Psychodrama oder in der Aufstellungsarbeit fällt es uns leicht, viele verschiedene Identitäten mit Leib und Seele zu realisieren. Im Alltag aber hängen wir an unseren Eigenschaften, besonders den positiven, wir verehren sie, glauben an sie als wären sie etwas Besonderes. Mit den negativen Eigenschaften ist es nicht anders, auch an sie glauben wir, als wären sie etwas Besonderes. Kein Mut, sie aufs Spiel zu setzen, weder hier noch da. Wir glauben an unsere Persönlichkeit und an unsere Geschichte, unsere Kontinuität von der Geburt bis zum Tod. Wir glauben an unserem Körper, als abgegrenzt. Es gab einmal eine Radiosendung mit dem Titel: Mein Körper als Gott und als Feind. Darin wurde klargelegt, wie sehr wir unseren Körper in den Wellnesstempeln und Fitnessinstituten, mit Diäten, Sport und übertriebenen Gesundheitsprogrammen ständig in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit bis Verehrung stellen und ihn gleichzeitig oder im Wechsel damit quälen, beargwöhnen, manipulieren, unterdrücken und bekämpfen. Ich brauche das nicht weiter auszuführen. Weder die Verehrung des Selbst noch die Verteufelung irgendeines Teiles von mir entspringt der Selbstliebe.

Zurück zur Unterscheidung zwischen Identifizierung und Selbstliebe. Jeden Morgen, wenn ich aufwache, fällt mir wieder ein, wer ich bin, und daran halte ich den ganzen Tag fest. Und abends falle ich dann müde ins Bett und überlasse mich dem Tiefschlaf. Meine Identität stürzt in sich zusammen als wäre sie nichts. Ein Wunder eigentlich, dass ich einschlafen kann ohne Furcht vor Auflösung. Ebenso gefährlich ist nur noch Theaterspielen, Aufstellen oder Meditieren. Viel gefährlicher als Rauchen. Rauchen untergräbt vielleicht deine Gesundheit, aber das viele Rollenspielen untergräbt deine Identität. Vielleicht spiele ich jetzt gerade nur Siegfried Essen. Wer bin ich und wenn ja wie viele? Diese postmoderne Vision ist ja der Schrecken aller Fundamentalisten. Die Auflösung der Persönlichkeit und ihrer Fundamente.

Erst trenne ich, wenn ich aufgestellt werde, noch scharf zwischen einer fremden Rolle und meiner eigenen Persönlichkeit, dann merke ich allmählich, dass es keine Rolle gibt, die mir wirklich fremd ist, und schließlich wird mir klar, dass meine Persönlichkeit nur ein Haufen von Kleidern ist, von denen ich manche sehr oft und manche sehr selten anziehe. Bei manchen bilde ich mir sogar ein, dass ich sie nicht einmal nachts ausgezogen habe.

Aber widerspricht dieses Spiel mit der eigenen Identität nicht der Selbstliebe? Oder ist Selbstliebe mehr als ein sich zusammennehmen? Virginia Satir hat uns immer wieder aufgefordert, uns eine Zustimmung zu geben. Gib dir eine Zustimmung jetzt, für irgendeine Kleinigkeit, die du heute oder gestern gesagt, getan oder gedacht hast. Das kann man hundertmal am Tag machen, auch mehrmals für ein und dieselbe Sache. Auf den Inhalt kommt es nicht an, sondern auf einen kleinen konkreten Vollzug von Selbstliebe.

Auf sich selbst liebevoll bezogen sein, mit sich selbst befreundet sein, das können wir lernen, indem wir die drei wichtigsten Kraftquellen, die wir haben, Kopf, Herz und Bauch aktualisieren und üben, Selbsterkenntnis, Selbstliebe und Selbstmächtigkeit. Dies sind die drei zentralen Chakren unseres Körper-Seele-Geist-Organismus Und zugleich die drei Glaubenswege der Menschheit, wie sie der Philosoph Frithjof Schuon als Bhakti, Karma und Jnana beschrieben hat. Jedes Chakra und jede große Menschheitsreligion betont einen dieser drei Schwerpunkte und enthält doch auch alle anderen Farben des ganzen Spektrums in sich. Dementsprechend habe ich vorhin von Selbstliebe im umfassenderen Sinne geredet, weil sie ohne Selbsterkenntnis und Selbstmächtigkeit nicht existiert. Genauso werde ich manchmal von Selbsterkenntnis und Selbstmächtigkeit im übergeordneten Sinne sprechen.

Ich will damit auch sagen, dass die Vorgänge der Selbstliebe und der Selbstbefreiung niemals in uns isoliert ablaufen, dass das individuelle auch das Allgemeine ist und das Allgemeine auch immer das Individuelle, wie wir das in unseren Aufstellungen erleben. Jede gelungene Aufstellung ist eine Lösung für einen Einzelnen und gleichzeitig eine Weitung und Befreiung für das Ganze. Was immer du für dich selbst erarbeitest oder befreist, ob das eine Erweiterung deiner Selbsterkenntnis, deiner Selbstliebe oder deiner Selbstmächtigkeit ist, immer dienst du damit dem Ganzen, betrittst und erweiterst einen der drei Glaubenswege der Menschheit. Das Individuelle ist immer auch das Allgemeine, wenn es realisiert und verkörpert wird. Nur wenn wir in der Theorie bleiben, können wir uns isoliert und einsam fühlen.

Das Sich-Selbst-lieben und -lassen ist konkret, materiell und politisch.

Mit diesem Gedanken hängt auch zusammen, dass ein positiver Umgang mit sich selbst Voraussetzung für jeden positiven Umgang mit anderen ist. Wir kennen alle den Satz aus der Bibel: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, aber im Neuen Testament (Mk.12, 31) steht da: „agapeseis“ und das heißt wörtlich „du wirst lieben“ und erst in zweiter Linie „du sollst lieben“. Es handelt sich also nicht um eine moralische Forderung, als vielmehr um eine Verheißung und eine sozialpsychologische Gesetzmäßigkeit, eine Ordnung der Liebe. Im Klartext heißt das: Du liebst deinen Nächsten in dem Maße, wie du dich selbst liebst. Wie du mit dir selbst umgehst und lebst, so gehst du auch mit anderen um. Und umgekehrt, dein Leben mit anderen gleicht dem Leben in dir.

Du kannst andere nie mehr lieben als dich selbst. Du kannst andere auch nicht weniger lieben als dich selbst. Und wenn du zärtlich bist mit dir, kannst du es auch mit anderen sein.

Die Art der Verbundenheit mit dir selbst ist maßgeblich für die Art der Verbundenheit mit anderen und mit dem Ganzen.

Da ist Liebe nicht nur ein Gefühl, sondern die Haltung bedingungsloser Verbundenheit. Diese Haltung ist respektvoll und radikal ehrlich sich selbst gegenüber. Das heißt, ich stehe in einer lächelnden Distanz zu mir selbst, und ich bin mehr der Wahrheit als der Harmonie verpflichtet. In Einklang und Mitbestimmung mit meinen inneren Energieflüssen. Das verstehe ich unter Selbstliebe.

Meine Fähigkeit, andere zu lieben, speist sich aus der Quelle meiner Selbstliebe. Ihre Größe, Weite und Tiefe bestimmt die Größe meiner Liebe zu anderen und zu Gott. In uns selbst liegt der Schlüssel, das Übungsfeld und die Wahl.

Jesus zitierte übrigens hier, wie so oft, die jüdische Thora, das alttestamentliche Gesetz. Auch dort bei den sog. 10 Geboten findet sich schon dieselbe moralisierende Fehlinterpretation, die schlimme Folgen gehabt hat sowohl bei den Juden als auch bei den Christen. Moralische Forderungen erzeugen schlechtes Gewissen und Angst und in der Folge Selbsteinschränkung. Die Aufklärung über eine soziale Gesetzmäßigkeit stärkt und befreit zur Selbstmächtigkeit. Den Begriff der Selbstmächtigkeit habe ich übrigens von Marianne Gronemeyer übernommen, auf deren Vortrag ich mich schon sehr freue. Ich habe auf das Thema Selbstmächtigkeit gegenüber Mangeldenken schon in meinem Vortrag vor zwei Jahren hingewiesen.

Selbstmächtigkeit bedeutet, sich bewusst zu machen, dass alles, was ich tue, denke und fühle meine Wahl ist. Ja, dass auch das Fundament meiner Persönlichkeit, das Ich-Selbst von mir gewählt ist. Diese Wahl ist als Zustimmung zu sehen, eine Zustimmung zu allem, was mir gegeben ist. Und dem Gegebenen sind keine Grenzen gesetzt. Selbstmächtigkeit ist die Fähigkeit, durch Bewusstheit und in Demut über meine inneren Kräfte zu verfügen, sie zu nutzen und auch zu dirigieren.

Selbstmächtigkeit ist also nicht eine Form der Macht, möglichst viele Ressourcen in Besitz zu nehmen und in der eigenen Seele zu verankern, - das hieße einen Charakter daraus zu machen -, sondern im Gegenteil, sich bewusst zu machen, dass alle Ressourcen für alle zur Verfügung stehen und meine Gaben und Verstrickungen nichts besonderes sind, sondern als Schätze und Quellen gedacht sind und zum Fließen gebracht werden sollen.

Wenn du irgendein Problem bearbeitest, tust du das für alle. Du integrierst nicht nur fremdes, ausgeschlossenes in dein eigenes Leben, du erweiterst auch das Bewusstsein und die Akzeptanz von Fremdem bei den anderen. Bei keinem Gruppenverfahren habe ich das so stark erlebt wie in der Aufstellungsarbeit. Und es lohnt sich, nachher dafür zu danken, dass jemand ein Thema zur Sprache und zur Verkörperung gebracht hat, weil die Anliegengeber vorher meistens denken, dass es sich um ihr ganz individuelles Problem handelt. Aber diese Vorstellung ist ein Abwehrmechanismus. Die Individualisierung von Problemen gehört zur Ideologie unserer Konsumgesellschaft. Man fühlt sich schuldig und kauft für Unsummen von Geld Problemlösungen von ExpertInnen. Deswegen bemühe ich mich, in meiner Werbung und in meinen Ausschreibungen angstmachende Drohungen zu vermeiden und in der Praxis meine KlientInnen anzuregen, Freiheit, Kreativität und Expertentum in sich selbst zu entdecken. Das habe ich vor allen Dingen bei Virginia Satir gelernt.

Die Verkörperung des Selbst symbolisiert und repräsentiert die Quelle alles Guten im eigenen Inneren. Werden erstmal die beiden Seiten meiner Natur, die Getrenntheit und die Verbundenheit einander gegenübergestellt und unterschieden, zum Beispiel in einer Ich-Selbst-Aufstellung, so kommt unweigerlich ans Tageslicht, wie sehr oder wie wenig ich mich selbst zu lieben im Stande bin und wie der nächste Schritt aussieht in meinem Prozess der Selbsterkenntnis, Selbstzustimmung und Selbstermächtigung.

Ich habe hier drei Ebenen der Entwicklung von Selbstliebe genannt: Jnana, Bhakti und Karma. Ich könnte sie natürlich auch auf 7, 9, 12 oder 100 Ebenen beschreiben oder aufstellen. Es gibt viele Ganzheitsvorstellungen, deren wir uns bedienen können. Im Laufe der Entwicklung der Selbsterkenntnis und Selbstliebe differenziert sich unser Selbst in unendlich viele Kraftquellen.

Unsere Aufgabe in der Aufstellung von Ganzheiten und im Alltag ist es, sie zu nutzen, ihrer mächtig zu werden, das heißt sie in Anspruch zu nehmen und zu üben, aber daraus nicht wieder Stress zu machen, gehe einen liebevollen Austausch von Geben und Nehmen zwischen dem Ich und einigen Aspekten des Selbst. All diese Kräfte gehören in die Sphäre des Transpersonalen, des Göttlichen, sie stehen bedingungslos zur Verfügung, das heißt es gibt keine Begrenzung für sie und keine Sanktionen, wenn ich auswähle. Aber das ist erst einmal zu realisieren.

Selbstliebe ist nicht nur ein Gefühl, sondern das Annehmen aller meiner inneren Ressourcen. Ich zitiere wieder die Thora: "Mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Kräften." (Wobei man dazu bemerken muss, dass das Herz ist im Orient der Sitz des Verstandes, der Erkenntnis ist.) Auf diesen drei Ebenen sind Verbundenheit und Liebe in uns selbst zu realisieren.

Fangen wir also mit der Ebene der Selbsterkenntnis an: Stell dir vor, du stehst deinem vollständigen inneren Wissen gegenüber, deinem eigenen unbestechlichen aber liebevollen Gewahrsein von dir selbst, der inneren Kraft die wir Intuition oder drittes Auge oder drittes Ohr nennen.

Die Gegenüberstellung ist hier nicht metaphorisch gemeint, sondern körperlich zum Beispiel in Form einer Aufstellung. Du weißt, du kannst dich deinem Selbst ohne Angst vor Bestrafung oder Beschämung zeigen wie du bist, mit deinem Körper, mit all deinen Gefühlen und mit all deinen Gedanken, selbst den geheimsten, alles darf ans Licht deines Bewusstseins. Niemand die oder der sagt, das muss aber geändert werden. Scham und schlechtes Gewissen kommen von anderswo, nicht von dieser inneren Instanz, die bedingungslos zu dir steht und dich sieht, in dem Maße wie du es zulässt und ohne Kritik. Selbstliebe auf der Ebene des sechsten Chakras heißt, du kannst alles, aber auch wirklich alles, was du in dir entdeckst, ans Licht des Bewusstseins kommen lassen, dazu stehen, ohne Angst, Scham oder Bedauern. Selbstliebe auf dieser Ebene heißt Wahrheit, radikale Ehrlichkeit zu dir selbst.

Die Ebene des Herzens ist die Ebene der bedingungslose Liebe, im Buddhismus ist es das Mitgefühl des Bodhisattva, der solange auf die eigene Erlösung verzichtet, solange nicht alle Wesen befreit sind. Oder, um einen urchristlichen Hymnus zu zitieren, die Ebene des Menschensohnes, der seine Göttlichkeit nicht als Eigentum ansieht, (wörtlich heißt es: nicht als Raub ansah), sondern Mensch wurde, bis in die tiefsten Tiefen der Menschlichkeit, bis in den Tod (Phil.2). Stell dir vor, du entdeckst diese Fähigkeit in dir selbst und beginnst, sie zu realisieren ohne den ganzen christlichen Über-Ich-Stress. Du kannst deinen eigenen Schmerzen und Ängsten und deiner Schuld und Bosheit mit Mitgefühl begegnen, das heißt ohne Verleugnung und ohne Einmischung. Tich Nat Han hat ein Buch geschrieben mit dem Titel: "Umarme deine Wut".

So etwas kann und muss geübt werden. Auch dazu sind Aufstellungen gut. Du stellst zum Beispiel die Kraft des Mitgefühls, das Herz-Chakra auf und stellst dich ihm gegenüber. Du kannst es vielleicht auf der Ich Seite zuerst nicht glauben, dass diese Kraft wirklich dir zu Eigen ist und dass sie bedingungslos ist, dass du wirklich frei bist. Das musst du erst einmal realisieren, das heißt durch Fragen, Schauen und Berühren testen, bist du es glauben kannst. Manchmal muss erst ein Schleier oder eine Projektion weggezogen werden von deiner Herzens-Kraft, zum Beispiel Personen, die in ihr Mitgefühl Druck oder Erpressung eingemischt haben. Das Herz ist ohne Angst und ohne Druck. Angst und Druck gehören woandershin. Das kannst du zuhause üben, bis es dir in Fleisch und Blut übergegangen ist. Auf der Ich-Seite ist die Freiheit zu üben, auf der Selbst-Seite das bedingungslose zur Verfügung stellten alle Kräfte, von Liebe und Mitgefühl, von Wahrnehmung und Intuition und von power und Energie.

Nach Matthias Varga von Kibéd gibt es zwei wesentliche heilsame Vorzüge: Die Unterscheidung des Vermischten und die Verbindung des Getrennten. Auf der Ich-Seite üben wir die Unterscheidung von Vermischtem, von Verwechslungen und Identifikationen. Auf der Selbst-Seite üben und realisieren wir die Verbundenheit, genauer gesagt, machen wir uns unsere ewige Verbundenheit bewusst z. B. durch Meditation. Beide Erfahrungen gehören zu uns, die Gegenübererfahrung und die Einheitserfahrung, Dualität und Nondualität. Entdecke die Schönheit eines offenen Herzens und du wirst davon nicht mehr lassen wollen. Alle Liebe auch zu anderen entsteht in dir selbst. Und noch einmal: Das ist keine moralische Forderung, das entspricht einer natürlichen Gesetzmäßigkeit, dem Fluss des Lebens. Wir können ihn vielleicht eine Zeit lang aufhalten, aber danach fließt er umso lebendiger.

Ihr könnt, wenn ihr wollt, jetzt eine kleine aber wirksame Herzens-Übung mitmachen. Du kannst das für dich selbst mitmachen, oder du nimmst einen Freund oder eine KlientIn, dem oder der du Gutes wünschst.… Mach dir irgendeinen Glaubenssatz bewusst, mit dem du dich oder deine Freundin sich einengt. Zum Beispiel, wenn du dich irgendwo schuldig fühlst oder wovor du Angst hast oder was dir unmöglich erscheint….. Formuliere diesen einengenden Gedanken als Satz….. und stell ihn dir frei schwebend in deinem Kopf vor oder in dem Kopf des Freundes….. Und dann lass ihn herunter sinken in deinen Herzensraum, gib ihm einen Platz in deinem Herzen und warte ab, was geschieht…… Das Herz geht mit solchen Gedanken anders um als der Kopf…. Du merkst das an der Reaktion deines Körpers….

Der Philosoph Wilhelm Schmid hat ein sehr schönes Buch geschrieben mit dem Titel: "Mit sich selbst befreundet sein". Darin beschreibt er die vielen Ebenen und Facetten, die eine wahre Freundschaft und ein liebevoller Umgang mit sich selbst haben. Unter Selbstmächtigkeit versteht er nicht destruktive, einengende Macht, sondern Kenntnis und Befähigung im Umgang mit sich selbst, wie bei einem langjährigen Freund, ein Können, eine Kunst.

Schmid nennt drei Stufen, die zu einer solchen Mächtigkeit, einem Können und schließlich zur Kunst führen.

1. Mir werden meine Ressourcen, Kräfte und Fähigkeiten bewusst. Die Stufe der Potenzialität.

2. Ich realisiere sie, ich übe sie, ich bringe sie auf die Erde, ich mache aus der Möglichkeit Wirklichkeit. Die Stufe der Realisierung.

3. Ich entwickle sie schwerpunktmäßig zu exzellentem Können, zu Kunst, die Stufe der Meisterschaft.

Zwischen die erste und zweite Stufe möchte ich noch die Notwendigkeit der Wahl hinzufügen, vielleicht gehört eine innere Entscheidung in Freiheit auch zu jeder Phase. Also drei Stufen, um eine Lösungs-Erfahrung zum Beispiel auf Grund einer Aufstellung zu nutzen.

Man kann solche Erfahrungen natürlich auch missbrauchen. Die gebräuchlichsten Formen des Missbrauchs von Befreiung- oder Erleuchtungserfahrungen sind Abwertung oder Überbewertung, man findet irgend einen Haken oder ein Ja-Aber, so dass die Erfahrung begraben werden kann, oder aber man stellt sie auf einen Sockel, geht mit ihr hausieren und erzählt sie so großartig herum, dass sie zu einem Denkmal erstarrt.

Also der Wert einer gelungenen Aufstellung, eines therapeutischen Aha - Erlebnisses, einer Lösung zweiter Ordnung besteht meines Erachtens vor allen Dingen darin, dass eine Kraftquelle oder Ressource, die bisher blockiert war, freigelegt wird, so dass sie mir dann mehr als bisher zur Verfügung steht. Das ist sehr viel. Aber nun geht es erst richtig los. Das freigelegte Potential muss realisiert werden und dann durch laufende Übung und Praxis vertieft, erweitert und verfeinert werden. Der Hinduismus nennt das übrigens „Gott realisieren“. Und dieser Übergang von der Eröffnung einer Möglichkeit zu ihrer Verwirklichung erfordert noch einmal eine Entscheidung, ein bewusstes Ergreifen und Bejahen und Auf-die-Erde-bringen dieser Fähigkeit.

Nehmen wir an, du konntest dich von dem Muster befreien, für deine Eltern dein Glücklichsein zu opfern. Du hast in einer Aufstellung die wunderbare Erfahrung gemacht, von ihnen das Leben und ihren Segen nehmen zu dürfen ohne Schuld oder Schuldigkeit und jetzt für dein eigenes Leben frei zu sein. Nun kommt die Aufgabe auf dich zu, diese Freiheit zu nutzen, dich daran sooft wie möglich zu erinnern, sie in kleinen und großen Entscheidungen zu realisieren.

Ein schönes Beispiel gibt uns Diogenes der, als er gefragt wurde, wie er es mache, immer so glücklich zu sein, antwortete: "Immer wenn ich morgens aufwache, stehe ich vor der Entscheidung, ob ich glücklich oder unglücklich sein will. Und ich entscheide mich regelmäßig fürs Glücklichsein."

Tatsächlich sind kleine Rituale, z.B. eine Morgenmeditation geeignet, um eine grundsätzlich veränderte Sichtweise auf das eigene Leben im Alltag zu verankern. In diesem Sinne meinte Suzuki Roshi einmal, Meditation sei nicht dazu da, um Erleuchtung zu erlangen, sondern um Erleuchtung zu verankern.

Ein solches Ritual soll nicht in Anstrengung und Verkrampfung ausarten, dient es doch der Erinnerung an eine Befreiung. Genau dieser Richtungswechsel ist zu üben, und aufkommende Freude ist ein gutes Kriterium dafür, dass die Übung gelingt, während Anstrengung und Erschöpfung Anzeichen für das Absolvieren von Ehrenrunden sind. Das ist Kleinarbeit der metanoia, des Umdenkens und Umwahrnehmens. Entscheide dich für das bewusste Hinspüren, Hinhören und Hinschauen auf die Erlösungserfahrung und das Verwerfen der alten Ängste, Bilder und Glaubenssätze, die Selbst-Zweifel und Selbst-Abwertung nach sich ziehen. Mach dir das Lösungsbild zu nutze. Realisiere die Lösung in Alltagshandlungen. Daraus ergeben sich Selbstmächtigkeit und Lebenskunst. Schmid nennt das exzellentes Können. Dein Leben soll ein Kunstwerk sein.

Und jetzt bitte bedauere dich nicht, falls du meinst, dass du noch nicht so weit bist, das ist sinnlos, sondern stelle fest, auf welchem Übungsweg du bist. Der Chakren-Spiegel, den ich euch gleich vorlegen werde, ist eine gute Möglichkeit zu erkennen, welche Schwerpunkte du bisher gesetzt hast in deinem Leben, welche Entscheidungen du bisher getroffen hast und wo du weitergehen könntest, wenn du willst. Vielleicht kannst du dir ein geeignetes Alltagsritual ausdenken, in dem du dich regelmäßig in eine gemachte Befreiungserfahrung erinnerst, (aber denk dran, es kann leicht sein und Freude machen) und es braucht ein wenig neue Entschlusskraft. In den seltensten Fällen brauchst du wieder einen Experten. Die Expertin für dich bist du selbst. Frage nach innen, frage dein Selbst, es ist die sicherste und liebevollste Quelle zu erfahren, was der nächste Schritt sein könnte. Außerdem ist das Nach-innen-Fragen eine gute Pflege der Freundschaft mit dir selbst.

So ist der Sinn aller Therapie, Seelsorge oder Beratung die Pflege und Förderung von Selbstermächtigung, Selbstliebe und Selbsterkenntnis, das heißt die Unterstützung der Freundschaft eines Menschen mit sich selbst. Ich der Expertinnen in dieser Aufgabe sind die, die sich Schritt für Schritt als dritte aus dieser Selbstbeziehung zurückziehen, indem sie die Haltung der Verbundenheit und der Nichteinmischung, das heißt der bedingungslosen Liebe einnehmen.

Hast du genügend Selbstliebe im eigenen Herzen oder erhoffte dir zusätzliche von anderen Menschen? Dass wir jederzeit und Tag und Nacht in Verbundenheit mit Himmel und Erde sind, ist eine Tatsache. Eine, die wir öfter mal vergessen. Wenn wir uns ihrer bewusst werden, handeln wir auch daraus und brauchen keine seelischen Abhängigkeiten mehr von Menschen, auch und sogar wenn materielle Abhängigkeiten weiter bestehen.

Wenn ich mich aber dermaßen unabhängig gemacht habe, ist die Konsequenz dann nicht die, dass ich mich nicht mehr oder nur wenig um andere kümmere und nur noch mein eigenes Leben lebe. Ja, das wäre die Konsequenz einer kapitalistischen Logik. Und außerdem reichlich langweilig. Die Logik des Herzens spürt und erkennt die Fülle und fließt über. Sie öffnet sich nach allen Seiten, fließt und strömt, wird ganz leer, ganz durchlässig, wird so sehr zum Kanal, das Geben und Nehmen gleich viel Freude bereiten, ja dass man nichts mehr für sich behalten mag, weil der Austausch viel mehr Spaß macht. "Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren. Wer aber sein Leben - andere Übersetzung: Seele - verliert um der Freudenbotschaft willen, der wird es finden." (Mk. 8,35) Dann ist das Leben nicht mehr Besitz, sondern Eigentum, und Verbundenheit breitet sich aus.

Selbstmächtigkeit und Liebe schließen sich nicht aus, sondern ein. Wenn ich mir selbst gegenüber wahr bin, kann ich auch alle anderen wahrnehmen. Und mit sich selbst befreundet zu sein, ist die Voraussetzung und der Grund für jegliche Freundschaft und Liebe zu anderen. Diese Art von Selbstvertrauen kann sogar Risiken eingehen, weil sie sich der Verbundenheit so sicher ist. Sie betrachtet das Leben nicht als Besitz, sondern als Geschenk, das in Fülle und ohne Begrenzung gegeben ist.

Wenn eine einzelner Mensch sich eines Schattens oder eines Lichtes bewusst wird, und das kann sie oder er nur öffentlich, dann erweitert er damit das Bewusstsein des ganzen Systems. Und umgekehrt, wenn ein System seine Wahrnehmungs-Grenzen und seinen Verhaltens-Spielraum erweitert, tut es das für jeden einzelnen.

"Du wirst deinen Nächsten lieben wie dich selbst"!

Die innere Struktur entspricht der äußeren. Die äußere Struktur entspricht der inneren. Die Arbeit an beiden ist sinnvoll und bezieht sich immer auch auf die andere Seite. Die Arbeit besteht in den drei oben genannten Schritten:

1) Erkennen der Potenzialität

2) Eine Wahl treffen und realisieren

3) üben, vertiefen, erweitern, Kunst

Hier nun wie versprochen der Chakren-Spiegel mit je einer Affirmation unter A, in der ich versuche, das Wesen der betreffenden Kraftquelle zu beschreiben. Und unter B ein paar Fragen, die ihr als eine Art Beicht-Spiegel benutzen könnt, aber nicht um euch zu zerknirschen, sondern um Anregungen zu haben für eure konkrete Übungs-Praxis in Selbsterkenntnis, Selbstmächtigkeit und Selbstliebe.


Chakren-Spiegel

Wurzel-Chakra:

A. Ich bin in meinem Körper und auf der Erde zuhause. Mantra: "Schon angekommen."

B. Wie könnte ich es mir erlauben, mich noch wohler zu fühlen in meiner Haut, meiner Kleidung, meiner Wohnung? Wo könnte ich noch liebevoller umgehen mit meinen Körper? Welche Situationen könnte ich noch präsenter genießen?


Sexual-Chakra

A. Ich freue mich am Leben und habe Lust darauf. Ich genieße mein Frau- oder Mannsein und lebe spielerisch.

B. Wo könnte ich mir noch mehr Lust, Erotik und Spiel erlauben? Mit wem könnte ich mein Frausein, mein Mannsein mehr erleben und genießen?


Solarplaexus

A. Ich lebe entschieden und selbstmächtig. Ich bin frei. Mir wird nichts mangeln.

B. Welche Gefühle von Ohnmacht und Abhängigkeit könnte ich durch Besinnung auf Mich-Selbst loslassen? Wo würde es mich freuen, mich liebevoll, aber mit aller Kraft und vollem Risiko einzusetzen.


Herz-Chakra

A. Ich bin voll Liebe und Offenheit für mich selbst und alle. Ich bin mit allem verbunden.

B. Was ich bei mir ablehne, braucht vielleicht einfach liebevolle Zuwendung wie ein Kind. Wofür ich mich schäme, das könnte ich mir jetzt freundlich ansehen. Wovor ich Angst habe, da wende ich mich hin und nehme es ins Herz.


Hals-Chakra

A. Ich bin SchöpferIn der Formen meines Lebens. Ich äußere meine Herzenswünsche und bin in Erwartung der Wunder.

B. Welche weiteren Schätze und inneren Potenziale könnte ich noch heben, einen Ausdruck, eine Form dafür finden?


Stirn-Chakra

A. Ich nehme alles wahr, das Einzelne und das Ganze, schaue hin und setzte mich auseinander.

B. Wie kann ich mir mehr Freude am Schauen, Hören und Spüren dessen, was ist, verschaffen? Und wenn ich mich belüge, ob aus Angst oder aus Wut, da kann ich mich fragen, stimmt das?


Kronen-Chakra

A. Ich erkenne die allem innewohnende und alles überschreitende Weisheit und verneigte mich vor ihr.

B. Wo mache ich mich klein, statt mich zu verneigen? Wie kann ich Vergänglichkeit und Tod zu meinen Lehrern machen?

Und jetzt zum Schluss gib dir eine Zustimmung für das Chakra, die Kraft, (oder mehrere davon), die du in deinem jetzigen Leben zum Schwerpunkt gewählt hast. Du wirst Meisterschaft erlangen.
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