Siegfried Essen
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GESCHICHTEN

Die Geschichten werden ca.halbjährlich ergänzt und erneuert

 

Wu und der Schmetterling
Wu träumt, er ist ein Schmetterling. Er sitzt im Sonnenschein zwischen Gräsern und auf Blumen. Er flattert hierhin und dorthin. Da wacht er auf, und weiß nicht mehr: Ist er Wu, der träumt, ein Schmetterling zu sein. Oder ist er ein Schmetterling, der träumt, Wu zu sein.

Das Mädchen in der Straßenbahn
„Ich erinnere mich“, schreibt die gerade vierzehn Jahre alte Dorothee, „dass ich .... in der ... Straßenbahn ein Mädchen mit großen schwarzen Augen anstarrte. Es hatte einen dicken, braunen Zopf und stand in meiner Nähe auf der hinteren Plattform. Es erschien mir wunderbar, geheimnisvoll und traurig, und ich überlegte verzweifelt, wie ich ... es ansprechen könnte. Unsere Blicke trafen sich, und ich bildete mir ein, ein winziges Lächeln über ihr Gesicht huschen zu sehen. Dann stiegen am vorderen Eingang Soldaten – oder waren es Polizisten? – ein, mein Mädchen schaute sich wieder und wieder um und verließ, einem plötzlichen Entschluss folgend, die Tram. Beim Aussteigen verschob sich die Tasche, die sie an die Brust gedrückt hielt. Ich sah einen gelben Fleck und das Wort „Jude“ in Schwarz darauf geschrieben. Ich wollte aussteigen, ihr nachlaufen, aber die Bahn fuhr schon wieder und der Novemberregen klatschte an die Scheiben. Bei dieser Gelegenheit lernte ich ein Stück meiner eigenen Feigheit kennen, im erotischen und im politischen Sinn, und ich erinnere mich, dass ich damals in der Linie elf, die durch das Severinsviertel fuhr,, mit Entsetzen notierte, was in mir war. Wer bin ich denn, wenn ich nicht einmal aus der Bahn steigen und einem unbekannten Menschen, der mein Herz bewegt, nachlaufen kann?“
Dorothee Sölle

Das Geheimnis der Straßenkehrers Beppo
Es ist so: „Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man. Und dann fängt man an, sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt.
Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst zu tun und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen. Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du?
Man muss immer nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein. 
Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste. Das ist wichtig.“

Die Geschichte von einem, der es genau wissen wollte
Einem Mann war die Frau gestorben, und er saß mit vielen Kindern da und wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Er hatte keine Arbeit und konnte sie nicht ernähren. Da hat ihm ein Freund erzählt, es gebe einen Einsiedler in den Bergen, der wisse das Geheimnis, wie man aus Steinen Gold macht. Vielleicht könnte der ihm helfen. Da sagte er: „Ja, zu dem geh’ ich hin.“ Dann ist er hingewandert, hat ihn gefunden, fragte ihn: „Stimmt es, dass du weißt, wie man aus Steinen Gold macht?“ Da sagte der: „Ja, das weiß ich.“ „Und würdest du das verraten?“ „Ja, das tue ich auch. Du brauchst jetzt nur beim nächsten Vollmond ins übernächste Tal zu gehen und eine Stunde vor Mitternacht fünf große Kieselsteine suchen und sie auf Tannenreisig legen. Dann nimmst du diese fünf Kräuter hier – die Namen hab’ ich leider vergessen – streust sie darüber, zündest das Feuer an, und um Mitternacht ist aus den Steinen Gold geworden.“ >
Da hat er sich gefreut und hat sich auf den Weg gemacht, und als er eine Weile gegangen war, dachte er sich: „Das kann doch nicht alles sein. Er hat mir bestimmt etwas wichtiges verschwiegen.“ Dann ist er wieder zurück und hat gesagt: „Ich habe mir das überlegt. Das kann doch nicht alles sein. Etwas hast du mir sicherlich verschwiegen.“ „Ja“, sagte er, „ du darfst nämlich während dieser Stunde, in der das Feuer brennt, nicht an einen weißen Bären denken.“ 
Bert Hellinger

Kaleidoskop
Als Kind spielte ich gern mit einem Kaleidoskop, das ich aus einer Röhre und einigen kleinen Glasstücken hergestellt hatte. Wenn ich die Röhre drehte, kamen wundervolle Muster und Farben zum Vorschein. Jedes Mal wenn ich eine kleine Handbewegung machte, verschwand ein Bild, und ein neues zeigte sich. Ich weinte nicht, wenn das erste verschwand, denn ich wusste, dass nichts verloren war, stets folgte ein anderer schöner Anblick.
Thich Nhat Hanh

Furcht und Angst
Ein Schlüsselwort der Auferstehungsbotschaft ist: „Fürchtet euch nicht!“ (Mk 16,6). Auf Furcht setzt das Grundmodell der vorherrschenden Weltordnung: die Machtpyramide. Furcht baut Mauern, Vertrauen baut Brücken. Furcht müssen wir dabei freilich von Angst unterscheiden. Angst ist unvermeidlich. Sie ist die Enge, in die uns das Leben immer wieder führt. Furcht sträubt sich und bleibt in der Angst stecken. Der Glaube geht voll Vertrauen weiter, und auch die engste Passage führt zu einer neuen Geburt. David Steindl-Rast

 

Der Sprung in der Schüssel
Es war einmal eine alte chinesische Frau, die zwei grosse Schüsseln hatte, die von den Enden einer Stange hingen, die sie über ihren Schultern trug.
Eine der Schüsseln hatte einen Sprung – während die andere makellos war und stets eine volle Portion Wasser fasste. Am Ende der langen Wanderung vom Fluss zum Haus der alten Frau war die andere Schüssel jedoch immer nur noch halb voll.
Zwei Jahre lang geschah dies täglich: Die alte Frau brachte immer nur anderthalb Schüsseln Wasser mit nach Hause. Die makellose Schüssel war natürlich sehr stolz auf ihre Leistung, aber die arme Schüssel mit dem Sprung schämte sich wegen ihres Makels und war betrübt, dass sie nur die Hälfte dessen verrichten konnte, wofür sie gemacht worden war.
Nach zwei Jahren, die ihr wie ein endloses Versagen vorkamen, sprach die Schüssel zu der alten Frau: »Ich schäme mich so wegen meines Sprungs, aus dem den ganzen Weg zu deinem Haus immer Wasser läuft.«
Die alte Frau lächelte. »Ist dir aufgefallen, dass auf deiner Seite des Weges Blumen blühen, aber auf der Seite der anderen Schüssel nicht? Ich habe auf deiner Seite des Pfades Blumensamen gesät, weil ich mir deines Fehlers bewusst war. Nun giesst du sie jeden Tag, wenn wir nach Hause laufen. Zwei Jahre lang konnte ich diese wunderschönen Blumen pflücken und den Tisch damit schmücken. Wenn du nicht genauso wärst, wie du bist, würde diese Schönheit nicht existieren und unser Haus beehren.«

Himmel und Hölle
Ein mächtiger Samurai beschloss, seine spirituelle Bildung zu vertiefen. So machte er sich auf, einen berühmten buddhistischen Mönch zu suchen, der als Einsiedler hoch in den Bergen lebte. Als er ihn gefunden hatte, forderte er: „Lehre mich, was Himmel und Hölle sind!“ Der alte Mönch sah langsam zu dem Samurai auf, der über ihm stand, und musterte ihn von Kopf bis Fuss.
„Dich lehren?“ kicherte er. „Du musst sehr dumm sein, wenn du denkst, ich könnte einen wie dich etwas lehren. Schau dich an, du bist unrasiert, du stinkst, und dein Schwert ist wahrscheinlich verrostet.“
Der Samurai geriet in Wut. Sein Gesicht wurde rot vor Zorn, als er sein Schwert zog, um dem lächerlichen Mönch, der da vor ihm sass, den Kopf abzuschlagen. »Das«, sagte der Mönch ruhig, „ist die Hölle.“
Der Samurai liess sein Schwert fallen. Erst überkam ihn Reue, dann tiefe Zuneigung zu dem alten Mann. Dass dieser Mönch sein Leben riskiert hatte, um einen völlig Fremden etwas zu lehren, erfüllte sein Herz mit Liebe und Mitgefühl. Tränen stiegen in seine Augen.
„Und das, sagte der Mönch, „ist der Himmel.“

Auch du hast recht
Nasrudin wird zum Richter seines Dorfes ernannt. Wenn die Leute Streit miteinander haben, versucht er ihren Zwist zu schlichten. Und so kommen einmal zwei Männer zu ihm und bitten ihn um Rat. Der Erste beginnt von seinem Problem mit dem Nachbarn zu erzählen, was dieser gesagt und getan habe. Der Hoca hört sich das bis zum Schluss an und sagt: „Ja, du hast zweifelsohne recht.“ Da meldet sich aber der Zweite zu Wort. Er erzählt dem Hoca seine Sicht der Dinge, was der Nachbar getan und gesagt habe. Nasrudin lässt auch ihn zu Ende erzählen und meint: „Ja, du hast auch recht.“ Seine Frau im Nebenzimmer hört das, kommt zu ihrem Mann und flüstert ihm ins Ohr: „Nasrudin, sie können nicht beide recht haben. Sie haben einen Streit und du musst einem von ihnen recht geben.“ Nasrudin überlegt einen Moment. „Ja, sagt er, auch du hast recht.“

 

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