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GESCHICHTEN

Die Geschichten werden ca.halbjährlich ergänzt und erneuert

Furcht und Angst
Ein Schlüsselwort der Auferstehungsbotschaft ist: „Fürchtet euch nicht!“ (Mk 16,6). Auf Furcht setzt das Grundmodell der vorherrschenden Weltordnung: die Machtpyramide. Furcht baut Mauern, Vertrauen baut Brücken. Furcht müssen wir dabei freilich von Angst unterscheiden. Angst ist unvermeidlich. Sie ist die Enge, in die uns das Leben immer wieder führt. Furcht sträubt sich und bleibt in der Angst stecken. Der Glaube geht voll Vertrauen weiter, und auch die engste Passage führt zu einer neuen Geburt. David Steindl-Rast

 

Der Sprung in der Schüssel
Es war einmal eine alte chinesische Frau, die zwei grosse Schüsseln hatte, die von den Enden einer Stange hingen, die sie über ihren Schultern trug.
Eine der Schüsseln hatte einen Sprung – während die andere makellos war und stets eine volle Portion Wasser fasste. Am Ende der langen Wanderung vom Fluss zum Haus der alten Frau war die andere Schüssel jedoch immer nur noch halb voll.
Zwei Jahre lang geschah dies täglich: Die alte Frau brachte immer nur anderthalb Schüsseln Wasser mit nach Hause. Die makellose Schüssel war natürlich sehr stolz auf ihre Leistung, aber die arme Schüssel mit dem Sprung schämte sich wegen ihres Makels und war betrübt, dass sie nur die Hälfte dessen verrichten konnte, wofür sie gemacht worden war.
Nach zwei Jahren, die ihr wie ein endloses Versagen vorkamen, sprach die Schüssel zu der alten Frau: »Ich schäme mich so wegen meines Sprungs, aus dem den ganzen Weg zu deinem Haus immer Wasser läuft.«
Die alte Frau lächelte. »Ist dir aufgefallen, dass auf deiner Seite des Weges Blumen blühen, aber auf der Seite der anderen Schüssel nicht? Ich habe auf deiner Seite des Pfades Blumensamen gesät, weil ich mir deines Fehlers bewusst war. Nun giesst du sie jeden Tag, wenn wir nach Hause laufen. Zwei Jahre lang konnte ich diese wunderschönen Blumen pflücken und den Tisch damit schmücken. Wenn du nicht genauso wärst, wie du bist, würde diese Schönheit nicht existieren und unser Haus beehren.«

Himmel und Hölle
Ein mächtiger Samurai beschloss, seine spirituelle Bildung zu vertiefen. So machte er sich auf, einen berühmten buddhistischen Mönch zu suchen, der als Einsiedler hoch in den Bergen lebte. Als er ihn gefunden hatte, forderte er: „Lehre mich, was Himmel und Hölle sind!“ Der alte Mönch sah langsam zu dem Samurai auf, der über ihm stand, und musterte ihn von Kopf bis Fuss.
„Dich lehren?“ kicherte er. „Du musst sehr dumm sein, wenn du denkst, ich könnte einen wie dich etwas lehren. Schau dich an, du bist unrasiert, du stinkst, und dein Schwert ist wahrscheinlich verrostet.“
Der Samurai geriet in Wut. Sein Gesicht wurde rot vor Zorn, als er sein Schwert zog, um dem lächerlichen Mönch, der da vor ihm sass, den Kopf abzuschlagen. »Das«, sagte der Mönch ruhig, „ist die Hölle.“
Der Samurai liess sein Schwert fallen. Erst überkam ihn Reue, dann tiefe Zuneigung zu dem alten Mann. Dass dieser Mönch sein Leben riskiert hatte, um einen völlig Fremden etwas zu lehren, erfüllte sein Herz mit Liebe und Mitgefühl. Tränen stiegen in seine Augen.
„Und das, sagte der Mönch, „ist der Himmel.“

Auch du hast recht
Nasrudin wird zum Richter seines Dorfes ernannt. Wenn die Leute Streit miteinander haben, versucht er ihren Zwist zu schlichten. Und so kommen einmal zwei Männer zu ihm und bitten ihn um Rat. Der Erste beginnt von seinem Problem mit dem Nachbarn zu erzählen, was dieser gesagt und getan habe. Der Hoca hört sich das bis zum Schluss an und sagt: „Ja, du hast zweifelsohne recht.“ Da meldet sich aber der Zweite zu Wort. Er erzählt dem Hoca seine Sicht der Dinge, was der Nachbar getan und gesagt habe. Nasrudin lässt auch ihn zu Ende erzählen und meint: „Ja, du hast auch recht.“ Seine Frau im Nebenzimmer hört das, kommt zu ihrem Mann und flüstert ihm ins Ohr: „Nasrudin, sie können nicht beide recht haben. Sie haben einen Streit und du musst einem von ihnen recht geben.“ Nasrudin überlegt einen Moment. „Ja, sagt er, auch du hast recht.“

 

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