Siegfried Essen
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Spirituelle Aspekte in der systemischen Therapie (Siegfried Essen)

(erschienen in: Transpersonale Psychologie und Psychotherapie, 2/1995, 41-53)

 Zusammenfassung:

Die systemische Therapie formuliert in profaner, wissenschaftlicher Begrifflichkeit wesentliche Elemente aus der spirituellen Welt in der Sprache der Psychotherapie. Umgekehrt kann auch das Nachdenken über den spirituellen Weg durch die Explikation des systemischen Paradigmas an Klarheit gewinnen. Zentrale Konzepte des Systemischen Denkens wie Konstruktivismus, Ressourcenorientierung und Vernetztheit können als spirituelle Konzepte gelesen werden.

Konstruktivismus: Leiden ist eine Konstruktion unseres Geistes und kann nur durch Umkehr des Geistes aufgehoben werden.

Ressourcenorientierung: Leiden entsteht aus der Leugnung des in jedem Menschen stattfindenden Selbstentfaltungsprozesses.

Vernetztheit: Leiden ist Leugnung der Verbundenheit aller Dinge durch lineares Denken.

Systemische Therapie entwickelte sich aus der Familientherapie. Schon die Familientherapie war nicht einfach die Einführung eines neuen Settings (der Familie) in die Therapie, sondern die Einführung einer neuen, nicht linearen Wahrnehmung des Symptoms oder des Problems und seines Kontextes. Zeitliche Linearität (frühe Traumata verursachen spätere Symptome) und räumliche Linearität (Symtome haben ihren Ort und sind zu behandeln an der Person, die darunter leidet) werden in Frage gestellt. Familientherapie behandelte das ganze System in der Gegenwart. Im Laufe der Zeit begriffen mehr und mehr Familientherapeuten, daß es sich nicht nur um eine neue und in ihrer Wirkung tiefgehende Therapiemethode handelt, sondern um ein neues Paradigma des Nachdenkens über die menschliche Existenz, eine neue Epistemologie (Guntern 1980). Quantenphysikalische, neurophysiologische, philosophische und kybernetische Arbeiten halfen, das neue Paradigma zu formulieren. Ein Denken, das, wie wir sehen werden, die sprachliche Formulierbarkeit an seine Grenzen bringt. Die systemische Therapie versucht die Konsequenzen dieses Denkens im therapeutischen Rahmen zu ziehen. Sie arbeitet mit Einzelnen ebenso wie mit Familien und größeren Systemen. Sie hat erkannt, daß die Nichtlinearität nicht nur den oder die KlientIn betrifft, sondern auch die Kommunikation zwischen KlientIn und TherapeutIn: Über die Formulierung einer Kybernetik zweiter Ordnung wird uns klar, daß es keine Objektivität in der Wahrnehmung eines Leidens durch den oder die TherapeutIn geben kann, sondern daß die TherapeutIn Mitglied des therapeutischen Systems ist und sich mit ihm entwickelt. Das medizinische Denken in seiner linearen Abfolge von Analyse, Diagnose und Therapie kann aufgegeben werden. Nur wo dies geschieht, ist eine tiefergehende Veränderung, eine Transformation des Denkens und nicht nur eine Symptombeseitigung möglich. Die Methoden der modernen systemischen Therapie sind dazu angetan, einen Paradigmenwechsel im Kopf des Therapeuten und des Klienten zu ermöglichen und damit nicht nur ein einzelnes Symptom oder Problem zu beheben, sondern die Konstruktion von Problemen und Leiden zur Diskussion zu stellen. Grundlegend dafür sind: 1) die philosophische Richtung des radikalen Konstruktivismus, 2) die Entwicklung vom Mangel- und Problembewußtsein zur Ressourcenorientierung 3) das Bewußtsein von Vernetzung und Verbundenheit.

 

1. Konstruktivismus

Ein Mensch kam zu einem Bauwerk, an dem viele Arbeiter beschäftigt waren. Er fragte einen von ihnen, was er da tue, und  bekam zur Antwort: "Ich behaue Steine." Er fragte einen anderen, und der sagte: "Ich verdiene hier mein Geld." Der dritte antwortete ihm: "Ich ernähre meine Familie." Und der vierte sagte: "Ich baue mit an einem Dom zur Ehre Gottes".

Diese kleine Parabel kann erzählt werden, um zu verdeutlichen, in welch unterschiedlichen Bewußtseinszuständen man seine Arbeit verrichten kann, mit der implizierten Anregung, diese Bewußtseinszustände hierarchisch zu bewerten und eine Entwicklung des Bewußtseins anzustreben, z.B. von einer individuellen zu einer universellen Perspektive. Ein systemischer Therapeut würde mit dieser Geschichte eher sagen wollen: Schau, in welch unterschiedlichen Kontexten du dein eigenes (oder auch fremdes) Verhalten sehen kannst. Du kannst wählen. Deine Identifikationen sind Perspektiven deines Geistes und dein Geist ist frei, dich selbst, dein Denken, Fühlen und Handeln in diesen oder jenen Zusammenhang zu stellen, es so oder anders zu beschreiben, zu erklären und zu bewerten. Wir haben damit entdeckt und dies in Therapien tausendmal erprobt, daß die Ich-Funktion des Sich-Identifizierens eine freie, d.h. innengesteuerte kreative Möglichkeit des Menschen ist. Wir beziehen uns dabei auf des Konzept der Autopoiese und der Stukturdeterminiertheit (Maturana & Varela 1987).

Die systemische Therapie arbeitet natürlich auch an einer Entwicklung von Bewußtseinszuständen, durch den Verzicht auf Abwertungen oder durch den Wechsel von eingeengten zu erweiterten Perspektiven usw. Wir betrachten dies aber als Lösungen erster Ordnung. Was wir eigentlich anstreben, ist eine Lösung zweiter Ordnung, eine Lösung von der Lösung, d.h. das Erlangen der Fähigkeit, Identifikationen jederzeit (oder zumindest leichter) aufgeben zu können. Ob ich sage, ich behaue Steine, oder ob ich sage, ich arbeite zur Ehre Gottes, kann aus dieser Perspektive ganz gleichgültig sein. Es muß dabei kein Ebenenwechsel vom personalen zum transpersonalen Bereich vorliegen. Ich kann mich mit beiden Vorstellungen voll identifizieren und damit andere Möglichkeiten ausschließen oder abwerten (zur Ehre und Bestätigung des Ego und nicht Gottes). Ich kann mir aber auch bewußt machen, daß beide Vorstellungen von mir selbst gemachte Bilder sind und mich dabei mit dem Konstrukteur dieser Bilder identifizieren, der selbst frei und leer ist von allen Bildern, Gedanken und Gefühlen.

Systemische Therapie lehnt sich hier an den radikalen Konstruktivismus an, nach dem der Mensch die Wirklichkeit, in der er denkt, fühlt und handelt, d.h. "seine Welt" selbst konstruiert hat. Die "eigentliche" Wirklichkeit ist ihm über seine Sinne nicht zugänglich. Dies ernstzunehmen bedeutet ein radikales Umdenken . Ich versuche nicht nur, in Therapie und Alltag immer bessere, heilsamere Perspektiven zu konstruieren, sondern, indem ich das tue, übernehme ich Verantwortung für das Konstruieren selbst. Therapie in diesem Sinne wäre der erste Schritt, das Exempel zum Einüben der Dissoziation bzw. des Abstandnehmens von all meinen Konstruktionen. Wer meditiert, weiß, daß unsere Gewohnheit zu konstruieren und uns dann mit unseren Schöpfungen zu identifizieren  ein, wenn nicht der Wiederholungszwang im Freudschen Sinne    so automatisiert ist, daß wir eher das Dissoziieren, Benennen und Loslassen einüben müssen, als das Konstruieren. (Wobei das Loslassen auch die Nebenwirkung einer Neukonstruktion sein kann.) Ziel der Meditation wäre dann nicht das Erreichen neuer, besserer Bewußtseinsinhalte, sondern eine Bewußtheit für die jeweils auftretenden Bewußtseinszustände, also eher ein Prozeß der oszilliert zwischen der Schau und dem Loslassen der Schau, in dem ich bereit bin, jede Ebene, die ich gerade erreicht habe, wieder zu transzendieren. Die systemische Therapie stellt uns eine nicht-religiöse Sprache und Methodologie für diesen Prozeß zur Verfügung.

Die Entlarvung unserer sogenannten Wirklichkeit als von uns selbst konstruiertem Bewußtseinsinhalt erinnert mich an das, was im Buddhismus und Hinduismus als der höchste Bewußtseinszustand beschrieben wird: "Im höchsten Zustand treten Objekte und Bilder wieder in Erscheinung, werden jedoch augenblicklich als Ausdruck, Projektionen, oder Modifikationen des Bewußtseins erkannt. " (Walsh 1995 S.11)

Ich werde gewiß nicht behaupten, daß konstruktivistische Denker oder systemische Therapeuten schon durch die Pflege dieser ihrer Theorie im höchsten Bewußtseinszustand angelangt sind, aber andererseits gebe ich zu Bedenken, daß die richtige Theorie, das rechte Denken, schon bei Buddha, sowie das Umdenken, die Metanoia[1] bei Jesus, eine entscheidende Rolle auf dem Weg zur inneren und äußeren Befreiung spielen. Hier werden nicht nur Grundsätze wissenschaftlich plausibel formuliert und als therapeutisch heilsam beschrieben, die von Mystikern und Religionsstiftern als letzte Wirklichkeit erfahren und beschrieben wurden, sondern es werden daraus therapeutisch praktikable Methoden der Gesprächsführung abgeleitet, die natürlich keineswegs die Essenz der Lehre wiedergeben. Methoden der Dissoziation, des Reframings, der Umorientierung usw., die durchaus im Alltag außerhalb der Meditation wie auch in therapeutischen und anderen Gesprächen zu Erfahrungen von Befreiung und Heilung geführt haben.

Dabei wird man natürlich auch sehen, daß viele Menschen sich mit der ersten, man könnte sagen "Initialheilung" zufriedengeben und die darauf folgende notwendige Phase der Übung und der Meditation unterlassen. (Nicht allzuviele Therapeuten sind sich selbst der Notwendigkeit und Möglichkeit dieser Weiterführung bewußt.) Und doch steht und fällt mit diesem "Lernen III", wie Bateson (1972,S395) es genannt hat, gelebte Spiritualität. Ich beschreibe damit Spiritualität als ein Werden und nicht als einen Zustand, als ein ständiges Wiederloslassen von bereits Erreichtem, als ein ständiges Transzendieren und Fallenlassen von allem, worin ich mich eingerichtet habe zu bleiben, zu haben, zu besitzen: ein Verzicht auf alle Identifikationen und mich dem Neuen ausliefern, dem Überraschenden, dem Unvorhersehbaren, dem Augenblick. Dies gilt für das Handeln, das Fühlen, das Wahrnehmen, das Denken und demnach auch für alle Arten von Bewußtseinszuständen.

Im systemischen Jargon haben wir weniger hehre Worte für diese Vorgänge; für die Tendenz anzuhaften verwenden wir Begriffe wie Redundanz, Muster, Problemsystem usw.; den Prozeß des Loslassens bezeichnen wir als Musterunterbrechung, wobei wir durchaus auch eine Pathologie des ständigen Loslassens (z.B.bei irrelevanten und psychotischen Systemen) als redundantes Muster identifizieren; dabei wäre dann das Festhalten und bei etwas Bleiben eine heilsame Musterunterbrechung.

Die therapeutische Erfahrung lehrt, daß der Klient selbst, wenn seine gewohnten Denk-, Fühl- und Handlungsmuster unterbrochen werden, neue Möglichkeiten findet und erfindet. Dies bezeichnen wir als einen autopoietischen (selbst-schöpferischen) Prozeß: Biologische Systeme und vor allen Dingen Menschen können sich nicht nur gegen Fremdbestimmung wehren, sie können gar nicht völlig fremdbestimmt werden. Sie sind von ihrer eigenen inneren Struktur (ihrer biologischen neural-endokrinen Vernetzung und ihrer Sozialisation) weit mehr determiniert als von äußeren Einflüssen. Was von außen kommt, ist eher nur ein Anstoß für ein Feuerwerk innerer rekursiv vernetzter Reaktionen. Wie wir reagieren, das ist von innen geleitet, und nur innen können wir unsere Gewohnheiten und Muster, unter denen wir leiden bzw. an denen wir hängen, verändern. Und diese Veränderung geschieht auch nicht gezielt, so als könnten wir die einzelnen Vorgänge bewußt steuern, sondern was wir nur tun können, ist das Unterbrechen, bzw. Unterlassen der leiderzeugenden Muster, woraufhin wir uns als Therapeuten darauf verlassen können, daß das Selbst, welches weit mehr Ressourcen bereitstellt als das Ich oder sein Verstand, Lösungsansätze findet. Lassen wir es nun nicht zu, uns darauf auszuruhen, sondern unterbrechen diese wieder, sobald sie zu einem sanften Ruhekissen werden, so lernen wir allmählich das Umlernen, das Umdenken, die wirkliche Befreiung.

Dabei sehen wir aber auch, daß jede heilsame Lösung, ob sie sich nun als Heilung, Problemlösung oder Erkenntnis darstellt, wesentlich kontextbezogen ist und -in anderen Kontexten wiederholt- ihre Stimmigkeit verlieren kann. Keine Denkbewegung, keine Erfahrung und kein Erleben und auch kein noch so schöner oder tiefer Bewußtseinszustand scheint davon ausgenommen. Der unendliche Strom des Heils läßt sich nicht fassen oder bergen. Er drängt zwar zum Ausdruck, sprengt aber jeden Ausdruck auch gleich wieder. In Meister Eckeharts Deutschen Predigten heißt es einmal: "Wenn du in eine Versenkung gerätst, so schön, daß es dich gelüstet, für ewig darin zu verweilen, dann reiße dich los und ergreife das Nächste, das zu tun ist, denn das sind schmelzende Gefühle, sonst nichts!"

Mir ist bewußt, daß ich immer wieder höchst heilige Begrifflichkeit mit profaner therapeutisch-wissenschaftlicher Sprache mische. Ich tue das bewußt, da ich der Meinung bin, daß beide Seiten durch den Vergleich ihrer Theorien bzw. ihrer Denkmodelle, die natürlich schon wieder eingefahren sind, einander als Anstöße zur Erneuerung der eigenen Praxis dienen können. Daß dieser Impuls von der diskursiven Erkenntnis zur Religion führen kann, nicht nur umgekehrt von der Religion zur Erkenntnis, ist im buddistischen und islamischen Denken selbstverständlicher als im christlichen.

Vielleicht ist es nützlich, noch konkreter und noch prosaischer zu werden und hier ein paar Beispiele zu bringen für die Art systemischer Interventionen, über die ich gerade gesprochen habe. Im zirkulären Fragen z.B. kann den KlientInnen deutlich werden, daß ihre Problematik einer selbstgewählten Perspektive entsprungen sein könnte: "Wie sehen Sie die Entstehung ihrer Depression? Und gibt es jemand, der das ganz anders sieht? Welche Lösung würde diese Person vorschlagen? Wer sieht es ähnlich? Wie würde derjenige reagieren, wenn Sie geheilt wären, wie würden andere reagieren? "

Zirkuläre Fragen werden nur scheinbar zur Informationssammlung gestellt; sie dienen vielmehr zur Veränderung des Wahrnehmungsstils dessen, der sie hört und beantwortet, sowie derjenigen, die sie mithören und nur innerlich beantworten. Die Frage: "Streiten ihre Kinder stärker, wenn ihr Mann Zuhause ist oder weniger stark?" lädt alle Anwesenden, nicht nur die befragte Person ein, das Problem in einen Zusammenhang zu stellen. Die Frage: "Wer leidet am meisten, wenn Sie sich depressiv zeigen, wer am wenigsten? Und wie erklären sich diese beiden jeweils Ihr depressives Verhalten?" lädt ein, die Reaktion der anderen und ihre Sichtweise des Symptoms als konstitutiv für die Problematik zu sehen. Überhaupt lenken die Fragen nach unterschiedlichen Erklärungsmodellen die Aufmerksamkeit auf die Folgen der geistigen Prozesse und Entscheidungen und die Tatsache, daß wir nur Landkarten haben, aber niemals das Land, und darauf, daß wir diese Landkarten selbst machen und verändern - je nach Bedürfnis, Zweck und Standpunkt(vgl. dazu Keeney 1987). Erst recht gilt dies, wenn man weiter fragt: "Wer in ihrer Familie könnte Ihren Sohn am ehesten dazu einladen, überhaupt nicht mehr zur Schule zu gehen, und wie könnte er/sie das erreichen?" Hier werden Ohnmachtsmythen untergraben, und Täter/Opfer-Aufteilungen mitsamt ihrer linear-kausalen Prämisse hinterfragt. Zirkuläre Fragen sind so konzipiert, daß es bei der Beschäftigung mit ihnen nicht so sehr auf die Inhalte der Antworten ankommt, als auf die Unterscheidungen und Symbolbildungen, die geistigen Prozesse, die notwendig ablaufen, wenn man sich ihnen stellt. Die Wichtigkeit von inneren Bedeutungsgebungen, von Glaubenssystemen, Unterscheidungen und Sichtweisen für die Art und das Ausmaß des jeweiligen Leidens wird deutlich und wird in die Kompetenz und Verantwortung aller Beteiligten gestellt.

Voraussetzung hierfür ist natürlich auch eine bestimmte Sichtweise von seiten des Therapeuten. Er muß in der Lage und willens sein, den Klienten als kompetent zu sehen und ausgestattet mit allen Ressourcen, die er braucht. Anders ausgedrückt: Er muß fähig sein, dem Glauben an Mangel, Opfertum und Ohnmacht, der allen menschlichen Problemsystemen immanent und konstitutiv ist und der in den verschiedensten Formen kommuniziert wird, zu widerstehen und sich nicht von der Problemhypnose einlullen zu lassen. Für eine Therapie der Metanoia, des Umdenkens, des Standpunktwechsels, ist die Distanzfähigkeit oder Neutralität des Therapeuten mindestens ebenso wichtig, wie Empathie und Mitgefühl. Identifikation als Anhaften fördert Helfertum und Mitleidspathos, während die Praxis der Desidentifikation, der Selbstverleugnung, wie Jesus das nannte, der Boden ist für die Entwicklung von Mitgefühl und bedingungsloser Liebe (vgl. Galuska 1995).

Eine weitere typisch systemische Fragenfolge ist Steve de Shazers sogenannte Wunderfrage: "Angenommen, es geschähe über Nacht ein Wunder und Ihr Problem wäre verschwunden, wer würde das zuerst merken?..... Woran würde er/sie das merken?..... Woran Sie selbst?..... Wie würde sich ihr Alltag verändern, ihre Zeiteinteilung, ihre Beziehung zu ihrem Partner?..... Wem würde das vielleicht sogar Nachteile einbringen und inwiefern?..... Wer müßte sonst etwas verändern?"..... Solche Fragen machen die Vernetzung aller Personen des Systems, die durch das Symptom als Kommunikationsmittel erreicht wird, deutlich und eröffnen neue alternative Wirklichkeiten.

In systemischer Sicht basiert Leid auf der menschlichen "Fähigkeit", selbstgemachte Unterscheidungen als Wirklichkeit hinzustellen und sich dadurch Orientierung und Identität zu verschaffen; Orientierung, die nur so lange als solche gelten kann, wie man glaubt, vom anderen getrennt zu sein, und wie man glaubt, durch Geben verliere und durch Nehmen gewinne man. Systemische Therapie gibt uns zumindest das Werkzeug, auch gesellschaftlich tiefsitzende Wirklichkeitskonstruktionen, wie das Mangeldenken und den Glauben an die Wirklichkeit der Trennung und des Leids, als Konstruktionen zu begreifen und zu untersuchen. Religiöse Praktiken wie Meditation, Gebet, Übungen des Yoga usw. sind allerdings notwendig zur Ergänzung, zum Weiterführen und Einüben.

Therapeuten, die wissen, daß das, was sie vom Klienten sehen und hören, einschließlich dessen, was sie über ihn denken, z.B. ihre Diagnose, vom Therapeuten selbst konstruiert ist, können keine linear-objektivistische Therapie mehr durchführen. Systemische Therapie ist nicht nur eine neue Therapiemethode, sondern mehr noch ein Paradigmenwechsel, der alle Methoden betrifft, oder jedenfalls betreffen sollte. Nicht nur das pathologische, sondern auch das anthropologische Fundament aller Therapiemethoden wird als Konstruktion verstanden, deren Sinn und Nutzen sich allein in der konkreten Beziehung zum Klienten und seinem Kontext erweist. Therapeuten, die das bedenken werden bescheiden, bezeichnen ihre Methode eher als Konversation und lernen ihre eigenen therapeutischen Konzepte als Metaphern, Systeme und Bildergeschichten zu betrachten, die manchmal den Geschichten der KlientInnen neue Freiheitsgrade hinzuzufügen in der Lage sind, manchmal aber auch besser fallengelassen werden sollten. Um diese therapeutische Demut, wie ich sie nennen möchte, zu praktizieren lebt die Therapeutin im Vertrauen, daß der Mensch - sie selbst, wie auch ihre Klientin- alles, was sie braucht, in sich selbst hat, und zwar unabhängig von ihren Konzepten und Geschichten über sich. Nichtsdestoweniger halten sich viele SystemikerInnen für besser und gescheiter als andere TherapeutInnen und stehen in der Gefahr, ganz unkonstruktivistisch dogmatisch zu werden. (Gilt das vielleicht für alle Schulen?) Ganz ähnlich wie sich auch in den christlichen Kirchen immer Dogmatismus und Orthodoxie entwickelt haben. (Ist das vielleicht auch bei Religionen unvermeidlich?) Da fällt mir die Geschichte von einem chassidischen Rabbiner ein, der seine Briefe immer unterschrieb "Er der Bescheidene". Der Schüler eines anderen Rabbis war sehr verwundert, als er davon hörte, und fragte schließlich, als er auf keine Deutung kam, seinen Lehrer: "Wie kann er, der für seine Bescheidenheit berühmt ist, nur immer unterschreiben mit: ‘Er, der bescheiden ist’? Ist das nicht sehr unbescheiden?" Da antwortete der Lehrer seinem Schüler: "Du hast das überhaupt nicht verstanden. Er ist so bescheiden, daß er Bescheidenheit schon längst nicht mehr für eine Tugend hält."

 

2. Ressourcenorientierung

Wir erschaffen uns und die Welt, die wir wahrnehmen und auf die wir reagieren, in jedem Moment neu. Vielleicht sollten wir dabei statt von "erschaffen" von "produzieren" sprechen, denn wir sind dabei in den seltensten Augenblicken wirklich kreativ, wir reproduzieren vielmehr altbewährte Konzepte je nachdem, in welchem Kontext sie sich gerade bewährt zu haben scheinen. Dieser Vorgang ist redundant, oft neurotisch und verbraucht sehr viel Energie und zwar durch ständige innere Wiederholung unserer Identifikationen und Abgrenzungen in Form von klischeehaften Begriffsbildungen, Denk- und Gefühlsmustern, die allein der Ich-Vergewisserung dienen, indem wir uns sozusagen an der Kontaktgrenze der Trennung vom "Anderen", der Eigenständigkeit und der Unabhängigkeit vergewissern. Dies dient der Verleugnung der Wahrnehmung der immerwährenden Einheit und Vernetzung aller Dinge und der Abwehr von Verschmelzungsängsten. Das Konstrukt eines getrennten Ich ist ein kostspieliger Luxus. Es verbraucht deshalb so viel Energie, weil es der Versuch ist, auf dem Fluß des Seins eine feste und haltbare Konstruktion zu errichten, an die man sich halten kann. Dies bedarf natürlich immerwährender (gedanklicher) Stützaktionen.Wo immer etwas vom Fließen sich zeigt, muß gestützt, untermauert, begrenzt und begründet werden. In manchen spirituellen Traditionen wird diese Aktion das "Ego" genannt.

Der ganze Energieaufwand könnte aber wegfallen,wenn wir den Fluß des Seins in uns und um uns als Ressource, ja sogar als eigentliche Wirklichkeit erkennen würden, der wir uns anvertrauen können, statt ihr "festen" Boden abtrotzen zu wollen, was eine Illusion ist und bleiben wird; wenn wir also aus der Sysiphos-Anstrengung des Mangel- und Getrenntheitsdenkens in ein Denken der Fülle und der Gnade eintauchen. "Schon angekommen", wie es ein buddhistischer Wendesatz formuliert oder "alles ist schon getan", wie es im Christentum heißt.

Was heißt das für den therapeutischen Prozeß? Was wir als Krankheit bekämpfen oder als Schatten fliehen, ist als Teil unserer Heilung, unseres Transformationsprozesses anzusehen. Und dieser Heilungsprozess geschieht immer und an jedem Ort in uns und zwar Schritt für Schritt. Der Begleiter oder Therapeut, der das akzeptiert, wird geduldig einerseits und genauer mit den Einzelheiten andererseits. Deshalb fragen systemische Therapeuten immer nach dem Verhalten, den konkreten Einzelheiten und seinen Zusammenhängen bis jeder Schritt, jeder Gedanke, jedes Konzept als in seinem Kontext sinnvoll gesehen werden kann. Dies erscheint vielleicht oberflächlich, hat aber tiefe Folgen. Je langsamer, desto schneller, je konkreter, desto allgemeiner. Unter anderem, weil wir nach Dimensionen fragen, auf denen die Entscheidungsfähigkeit gegeben ist, und das sind die kleinen konkreten Schritte und der Glaube, auf dem sie beruhen.

"Wenn Sie sich morgen entscheiden, bis Mittag im Bett zu bleiben, denken Sie, daß sich ihre Mutter dann mehr um Sie kümmern wird oder weniger?" Durch solche Fragen werden die kleinen alltäglichen Entscheidungen (wie der Zeitpunkt des Aufstehens) in verschiedene Zusammenhänge gestellt und ihre Konsequenzen sichtbar gemacht, so daß die Verantwortlichkeit und die Freiheit des Individuums deutlich wird: Ich kann liegen bleiben oder aufstehen, es hat verschiedene Folgen, die ich damit einlade. Aber eins ist mir von nun an nicht mehr so leicht möglich: beim Aufwachen zu denken, es sei keine Entscheidung, liegen zu bleiben, ich sei lediglich Opfer. Systemische Therapie arbeitet auf derjenigen Ebene, auf welcher Gefühle, Gedanken und Handlungen als in meiner eigenen Entscheidungskompetenz liegend angesehen werden. Sie wirkt, kurz gesagt, durch Erzeugung von Unterscheidungen in der Sichtweise, im Denken, im Glauben. So unspektakulär diese Fragen sind, so stark sind doch die Unterschiede, die Information, die sie erzeugen. Wir machen uns die geistigen Unterscheidungen bewußt (den Glauben, der hinter unserem Verhalten steht); und indem sie uns bewußt werden, übernehmen wir Verantwortung für sie und ihre Folgen. Transformation geschieht nur in Freiheit.

Der erste Schritt der Transformation, so könnte man sagen, ist die Übernahme der Verantwortung für die Unterscheidungen, die wir treffen, und dafür, daß wir sie treffen: das Bewußtsein, Autor der Welt, der "Dinge" und Begriffe um uns zu sein, das Bewußtsein, daß sie alle in Wahrheit in uns geschehen. Der zweite Schritt ist das Aufgeben der Unterscheidung: Das Aufgeben des Glaubens an die objektive Wirklichkeit der Unterscheidungen, der Dualität. Auf diesem Hintergrund schlägt Maturana vor, den Begriff "Objektivität" nur noch in Anführungszeichen zu verwenden.(Maturana,1992) Der Vorgang des Benennens während der Meditation ist demnach das Bewußtmachen einer geistigen Unterscheidung. Dieser Vorgang ist gleichzeitig eine Dissoziation, eine Distanzierung vom Auftauchen von Konstruktionen (Bilder, Gedanken usw.) im geistigen Prozeß. Von da aus ist es nur noch ein kleiner Schritt (Willensakt) des Los- und Fallenlassens dieser selbstgemachten Gedankenbildung. Dieser Schritt geschieht nicht ohne den menschlichen Willen aber auch nicht durch ihn.

Psychotherapierichtungen unterscheiden sich in ihren Konstruktionen von dem, wie eine Therapie bzw. eine Heilung verlaufen sollte: Ein Analytiker hat andere Vorstellungen von der Therapiedauer als ein Systemiker. Auch die Art und Weise wie eine Therapie heilsam sein kann, wird vorgedacht: Die Analyse setzt auf Einsicht, das Pychodrama auf bewußte Wiederholung eines traumatischen Ereignisses, die Gestalttherapie auf die Initiation des Gestaltformationsprozesses. Auch die KlientInnen bilden ihre Erwartungen über das, was für sie heilsam ist aus Erzählungen, Literatur und den Suggestionen der ersten Therapiesitzungen. So dürfte es äußerst schwierig sein, die Erwartungen von Therapeut und Klient nicht zu erfüllen. Die Therapie wird den vorgedachten Verlauf nehmen. Doch sagt dies nichts aus über die Effektivität der Methode oder des Therapeuten, sondern über die Macht unseres Geistes und die zentrale Bedeutung des therapeutischen Kontraktes.

Ähnliches läßt sich über den Verlauf des spirituellen Transformationsprozesses vermuten. Auch hier stehen uns die verschiedensten religiösen, esoterischen und anderen Wege oder Metaphernsysteme als"Geschichten" zur Verfügung, die unsere Erwartungen lenken. Dem können wir nicht ausweichen, solange wir denken. Wir können nur eins tun, und das ist der wesentliche Beitrag des systemischen Denkens innerhalb der Therapieszene: Wir können uns bewußt machen, daß all diese Geschichten, Wege und Methoden von uns selbst gemacht sind. Und daß wir deshalb eine gewisse Freiheit haben, sie auch selbst zu verändern. Systemische Therapie bezieht dies in die Kontraktformulierung mit ein: es wird gefragt, mit welchen Erwartungen und Vorstellungen über Verlauf, Dauer und Ergebnis der Therapie die Klientin kommt, von wem er diese Vorstellungen übernommen hat, wer andere Vorstellungen hätte usw. Auf diese Weise können innere Programme abgerufen und bewußt gemacht werden, können verändert werden und mit denen des Therapeuten, für die natürlich das Gleiche gilt, verglichen werden. Ein therapeutischer Kontrakt muß die geistigen Konzepte über Therapie; Heilung, Transformation und Wachstum mit einbeziehen. Systemische Therapie ist an sich keine Kurzzeittherapie, sondern sie wird oft zu einer solchen, weil Klient und Therapeut die allgemeinen Konzepte über Zeit und Verlauf einer Therapie von vornherein hinterfragen und damit neue Freiheitsgrade eröffnen. Haben wir die einschränkenden Erwartungen eines langen schweren Weges erst einmal aufgegeben, so können wir schon beim ersten Schritt dem Vorhandensein aller notwendigen Ressourcen im Selbst auf die Spur kommen bzw. genauer gesagt, dem Erkennen des wahren Selbst mit all seinen Ressourcen. "Was wir Selbstverwirklichung nennen, ist nicht das Erlangen von etwas Neuem oder das Erreichen eines fernen Ziels; es heißt einfach, das zu sein, was man immer ist und schon immer war. Alles, was nötig ist, ist, daß Sie aufhören, das Nicht-Wahre als wahr zu sehen. Wir alle halten etwas für wirklich, was nicht wirklich ist. Wir brauchen nur diese Gewohnheit aufzugeben. "(Ramana Maharshi S.20)

Systemische Therapeuten arbeiten, wenn sie diesen ihren Namen verdienen, an der Unterbrechung der Gewohnheiten des Denkens, und zwar des eigenen Denkens wie auch dessen der Klientin. Dabei erlaube ich mir hier, mit dem Begriff des Denkens den inneren Prozeß des Wahrnehmens, Beschreibens, Erklärens und Bewertens zusammenzufassen, wobei diese Teilprozesse nicht als linear, sondern als rekursiv miteinander verbunden zu sehen sind.

Eine weitere Konsequenz des radikalen Umdenkens ist die Anwendung der systemischen Perspektive auf das Krankheits- bzw. Gesundheitsbild im pychotherapeutischen Prozess: Die moderne Systemtheorie betont den Umstand, daß die Welt als Prozess begriffen werden muß: "Sie ist nicht, sondern sie geschieht,"(Cramer &Kämpfer 1990) "Denn genaugenommen ist eben alles, was wir kennen und benennen können, der Veränderung unterworfen, und alles Statische und alle "Zustände" sind Illusionen (was manchen Kulturen und Weisheitslehren immer schon betont haben)." (Kritz 1992 S 19) Dieses aus der Chaostherorie in die moderne Systemtheorie eingebrachte "Wissen" führt uns dazu, auch die organismischen Systeme wie den Menschen in einer ständigen Veränderung zu sehen. Gesundheit ist demnach eine Form der Veränderung. Stillstand ist eine Illusion. Wachstum und Transformation geschehen immer; ohne daß wir etwas dazu tun müssen. Systeme verändern sich von selbst. Man muß auf sie einwirken, um zu versuchen, etwas an ihnen unverändert zu halten. (Der Sysiphus-Aspekt)

Wir erkennen hier eine spirituelle Grundhaltung wieder, die in Beziehungen heilt: Das Tun des Nichttuns. Veränderung geschieht, wenn man wird, was man ist, nicht wenn man zu werden versucht, was man nicht ist. Krankheit und Redundanz geschehen durch Einwirken, durch Handeln, durch Machen. Gesundheit, Wachstum und Transformation geschehen durch Hingabe. Natürlich besteht bei jedem Menschen besonders in leidvollen Situationen das Bedürfniss nach Bewahren des Gegebenen, nach Sicherheit und Stabilität. Dies als Widerstand gegen den Wachstumsprozess zu deuten wäre eher hinderlich als nützlich. Systemische Therapie geht dem Wunsch nach Redundanz auf den Grund, um zu eruieren und ins Bewußtsein zu bringen, in welchen Kontext diese Tendenz, die von außen als Widerstand erscheint, einen tiefen Sinn hatte und hat in dem festen Glauben, daß die Wachstumstendenz sich vom Selbst und von selbst wieder herausentwickelt und entfaltet, wenn auch das Sicherheitsbedürfnis als Wunsch nach Vertrauen gewürdigt wird.

Wesentlich sind die Haltung bzw der Glaube der Therapeutin, daß die erforderlichen Ressourcen und Lösungen schon alle vorhanden sind. Dieser Glaube äußert sich in vielerlei Methodik:

a) Im Fragen nach Lösungsansätzen und Ausnahmen: " Wann haben Sie sich zum letzten Mal gut verstanden?........ Wie ist es dazu gekommen?....   Wie waren die Umstände?.... Was haben Sie dazu beigetragen?.... Welche inneren Sätze, Bilder, Vorstellungen und Gefühle sind dabei in Ihnen aufgetaucht?".......u.s.w.

b) In der Erinnerung an Ressourcen, in der auf vielerlei Art und Weise in die Erfahrung von Kraftquellen, Kraftplätzen und -zeiten zurückgeführt wird, die die Klientin in den Zeiten des Leids brauchen kann, wenn er sie für sich wieder zugänglich macht bzw. in sich selbst wiederentdeckt.

c)Durch Unterbrechen der Problemschilderung und der damit oftmals verbundenen Problemhypnose, indem man intensiv nach Zielen und Wünschen fragt: Dabei kommt es darauf an, das Ziel so konkret wie möglich und im Kontext zu formulieren. d.h. sichtbar, hörbar, fühlbar u.s.w. zu machen, damit es zu einer handlungsleitenden Vision wird. (Die einzelnen Schritte dorthin müssen dann oft nicht einmal mehr formuliert, gedacht und geplant werden.) Andere Fragen zielen auf die Beeinflußbarkeit des Zieles bzw. die Übernahme der Verantwortung dafür: "Was brauchen Sie, um Ihr Ziel zu erreichen?.... Woran müssen Sie glauben?.... Was müssen Sie tun, damit Sie Ihr Ziel mit Sicherheit nicht erreichen?"........

Eine dritte Fragegruppe innerhalb der Zielarbeit betrifft die Ökologie, d.h. Gewinn und Kosten beim Erreichen des Zieles, seine Auswirkungen auf mich und auf meine Umgebung und die Rückkopplung zwischen beiden: "Was müssen Sie aufgeben?... Wie wird sich Ihr Leben ändern?.... Wie reagieren die anderen?..... Was soll so bleiben wie es ist?"........ Gute Zielarbeit in ressourcenorietiertem Rahmen ist manchmal sogar schon ausreichend zur Bewältigung eines Problems (sofern die TherapeutIn den Glauben aufzugeben bereit ist, daß immer ein Zurückgehen und Durcharbeiten notwendig ist). Hier könnten viele therapeutische Schulen von der Praxis des Buddhismus lernen, der empfiehlt, Anhaftungen als selbstgemachte geistige Konstruktionen zu entdecken und sie einfach fallen zu lassen statt sich durch Analyse oder Regressionsarbeit noch länger mit ihnen zu beschäftigen. Allerdings müßten dann wesentliche Glaubenssätze dieser Schulen in Frage gestellt werden. (Vgl. Essen 1993)

Respekt vor der Person jeder KlientIn drückt sich darin aus, daß die TherapeutIn den Glauben an die inneren Ressourcen und Fähigkeiten bei sich selbst und bei der KlientIn bewahrt. Respektlosigkeit aber zeigt sie gegenüber allen mentalen, psychischen und verhaltensmäßigen Konstruktionen der KlientIn. Hier unterstellt sie ihr alle Freiheit und das heißt auch alle Verantwortlichkeit. Sie bleibt bei ihrem inneren Lächeln, wenn die KlientIn sich als Opfer hinstellt und die Geschichte ihrer Gefangenschaft vor ihr ausbreitet. Respektlos unterbricht sie diese Geschichte und fordert dazu heraus, eine neue zu erzählen.

 

3. Verbundensein und Vernetzung

 Die Entdeckung der systemischen Vernetztheit jedes Symptoms war die Geburt der Familientherapie. Ein Symptom ist wie jedes Verhalten Kommunikation, d.h. sowohl ein Beziehungsangebot als auch eine Reaktion auf Beziehungsangebote. Jeder Symptomträger ist "Täter" und "Opfer" zugleich. Die Entdeckung des Rückkopplungszusammenhanges und der Nichtlinearität in der menschlichen Kommunikation, d.h. in allem menschlichen Verhalten, ist und bleibt Grundlage des systemischen Denkens und der systemischen Therapie. Die Prämisse der Nichtlinearität oder Rekursivität bezieht sich hier auf alle unterstellten Ursache-Wirkungs-Beziehungen, wie z.B. Trauma und Symptom, Therapeutenverhalten und Klientenreaktion, Charakter und Verhalten, Mensch und Umwelt, Natur und Geist usw.

Dies erinnert an buddhistische Formulierungen (Nagarjuna): "Ursachen und ihre Wirkungen, Dinge und ihre Attribute sowie der Geist des Forschers selbst und dessen Objekte sind durchwegs gleichermaßen von einander abhängig. "(Varela und Thompson 1992, S.304 ) Da alles in gegenseitiger Abhängigkeit entsteht, ist alles "leer" von getrennter und unabhängiger Existenz. Wenn sie konsequent geführt wird, sollte deshalb jede systemische Therapie zur Aufhebung des Glaubens an Trennung und Absonderung (Sünde) einladen. Und dies nicht nur für den oder die KlientIn, sondern ebenso sehr für den oder die TherapeutIn, die ja auch lernen, sich mit den Klienten in einem Rückkopplungszusammenhang zu sehen . Unser Denken in zeitlicher Linearität -was vorher war, ist Ursache von dem, was später kommt- wird aufgehoben durch Fragestellungen wie: "Angenommen, Sie wollten Ihre Depression mal wieder hervorrufen, damit Ihr Mann sich mehr um Sie kümmert, an welche Zeit müßten Sie sich dabei am besten erinnern?.....Was müßten Sie sonst noch beachten?...... Und welche andere Erinnerung würde Ihnen helfen wieder aus der Depression herauszukommen?"......

Der Aufhebung der zeitlichen Linearität entspricht die Aufhebung der räumlichen Getrenntheit. Die Methoden der Familienrekonstruktion (Satir) und der Aufstellungsarbeit (Hellinger) sind dazu angetan, die Verbundenheit und gegenseitige Abhängigkeit in räumlichen Metaphern darzustellen und erfahrbar zu machen, was äußerst heilsame Wirkungen haben kann. Die Methode der systemischen Aufstellung lädt jedes Systemmitglied dazu ein, sich wieder im Zusammenhang wahrzunehmen und in ihn einzustimmen, und das gerade dann, wenn es vorher geleugnet oder ausgestoßen war (abgewertete Persönlichkeitsanteile, ausgschlossene Elternteile, abgetriebene Kinder, Sündenböcke, Minderheiten, Vertriebene, usw.). Alle Teile werden (als Rollenspieler oder Symbole) solange zurechtgerückt oder rücken sich zurecht, bis Friede einkehrt. Und Friede kehrt ein, wenn jeder seinen Platz hat und sich gewürdigt fühlt. Dabei ist der Prozeß des Zurechtrückens nicht unwichtiger als sein Ziel, denn hier merkt jeder, wie seine eigenen körperlichen und gefühlsmäßigen Prozesse abhängig sein können von den kleinsten Bewegungen jedes anderen im (System-)Raum. Jeder Mensch ist bestrebt, sobald er sich im Zusammenhang sieht, seinen Platz im System auch wahrzunehmen und zu akzeptieren und auch den anderen ihren Platz zu geben bzw. zu lassen. "Religio" ist Rückbindung in den größeren Zusammenhang. Wenn ich mich als Teil eines Ganzen erfahre, trete ich nicht nur in Kommunikation mit den anderen Teilen, sondern erfahre mich auch in Beziehung zu einem Ganzen, ohne die Ebenen zu vermischen. Die Namen für das Ganze (Gott, Brahma, Universum, Mutter Erde usw.) sind nur Hinweis; Hinweis auf die Möglichkeit nichtdualer Wahrnehmung und nichtlinearer Erkenntnis der "Einheit", der "Leere", oder "Gottes".

Ich möchte Spiritualität umschreiben als Einstimmen in den Zusammenhang. Die Bewußtheit für den Zusammenhang hebt das Leid auf, so wie Leugnung des Zusammenhangs bzw. der Glaube an die Trennung Leid erzeugt. Leid bedeutet, daß die Einheit oder der Zusammenhang vom Menschen vorübergehend nicht wahrgenommen, sondern geleugnet werden. Diese Haltung oder Wirklichkeitskonstruktion ist eine zu verantwortende Entscheidung. Aus ihr entstehen die individuellen und kollektiven Symptome. Therapie oder Heilung vom Leid muß also etwas zu tun haben mit dem Wiederwahrnehmen und sich Einfügen ins Ganze.

Könnte es sein, daß das assoziative Denken, das Herstellen und Wahrnehmen von Beziehungen zwischen den Dingen und Ereignissen eine natürliche Neigung unseres Geistes ist, die uns im Verlauf unserer Sozialisation ausgetrieben wird? Geniale und kreative Denker sind nach meiner Beobachtung oft in einem Mileau aufgewachsen, in dem die Wahrnehmung der Verbundenheit und Verknüpfung aller Dinge eher gefördert als unterdrückt wurde. Wahre Ichstärke würde sich dann nicht durch verstärktes Einüben der Abgrenzung zwischen Selbst und Umwelt, Vordergrund und Hintergrund, Fokus und Kontext entwickeln, sondern in und mit einer spielerischen Wahrnehmung der Verbundenheit und Vernetzung aller Dinge. Spirituelle Traditionen halten diese Verbundenheit sogar für die eigentliche Wirklichkeit, genauer gesagt: das, was eigentlich wirkt. Wir dagegen üben uns ein im Getrenntheitsdenken, in strikter Abgrenzung zwischen uns und der Welt und zwischen den Dingen untereinander und glauben schließlich an die Wirklichkeit der Trennung. Trennung ist aber keine ontologische Wirklichkeit, sondern eine von uns gemachte Unterscheidung, die manchmal einen Unterschied macht und manchmal nicht.(vgl.Bateson 1981)

Der Einbruch transpersonaler Wahrnehmung wird nur von einem Geist als bedrohlich empfunden, der allzusehr an Objektivität und Trennung glaubt. Sogenannte spirituelle Krisen sollten deshalb nicht nur von ihrem Erscheinungsbild, sondern auch von Ihrem Kontext her bewertet und behandelt werden, und zwar sowohl von ihrem äußeren Kontext als auch insbesondere vom inneren her, dem Glaubens- und Denksystem des Hilfesuchenden (Galuska 1995) Jenes rationale Denken, das das Chaos vertreiben und die Angst davor bekämpfen soll, scheint selbst die Grundlage für jede Form von Angst zu sein. Nur so kann es zu jener symmetrischen Eskalation zwischen Angst und Getrenntheitsdenken kommen.

So können wir das systemische Denken als Schritt zu einem spirituellen Paradigma und die systemische Therapie als ein paar kleine, praktische Schritte zu spirituellem Umgang mit Symptomen und Leiderfahrungen bezeichnen, die m.E. nicht in Konkurrenz stehen zu den Lehren und Übungen der großen spirituellen Traditionen.

 

Anhang:

Sokrates'     Höhlengleichnis

(Nach PLATON: Der Staat; leicht gekürzt und paraphrasiert von S. Essen)

 

Stell dir Menschen vor in einer unterirdischen Wohnstätte. Sie sind so gefesselt, daß sie den Kopf nicht wenden können. Sie können also nur auf die Höhlenwand schauen und nicht zum Eingang, der hinter ihnen oberhalb ist. Von oben her aus der Ferne von rückwärts leuchtet ihnen aber ein Feuerschein. Zwischen dem Feuer und der Höhle laufen Gaukler herum und zeigen ihre Kunststücke. Die Menschen in der Höhle können wegen ihrer Fesselung nur die Schattengebilde der Gaukler sehen, die an die gegenüberliegende Wand der Höhle geworfen werden. "Angenommen, sie könnten miteinander reden, glaubst du nicht, daß sie der Meinung wären, die Benennungen, die sie dabei verwenden, kämen den Dingen zu, die sie unmittelbar vor sich sehen?"... Ferner, wenn der Kerker auch ein Echo von der gegenüberliegenden Wand ermöglichte, würden sie doch die gehörten Worte nichts anderem zuschreiben, als dem jeweils vorüberziehenden Schatten. Durchweg würden diese Gefangenen nichts anderes für wahr halten als die Schatten.

" Nun betrachte den Hergang ihrer Lösung von ihrer Gebundenheit und ihre Heilung vom Unwissen." Angenommen, einer von ihnen würde entfesselt oder merken, daß er gar nicht gefesselt war, er würde also "den Hals umwenden, sich in Bewegung setzen und nach dem Lichte emporblicken, und alles dies nur unter Schmerzen und geblendet von dem Glanze." Er wäre natürlich zuerst garnicht imstande, die Dinge zu erkennen, deren Schatten er vorher sah." Was glaubst du wohl würde er sagen, wenn man ihm versicherte, er hätte damals lauter Nichtigkeiten gesehen, jetzt aber, dem Seienden nahegerückt und Dingen zugewandt, denen stärkeres Sein zukäme, sähe er richtiger?" Er würde doch sicher das früher Geschaute zunächst für wirklicher halten als das jetzige!" Und wenn man ihn nun zwänge, seinen Blick sogar auf das Licht selbst zu richten, so würden ihn doch seine Augen schmerzen und er würde sich abwenden und wieder jenen Dingen zustreben, deren Anblick ihm geläufig sind, und diese würde er doch für tatsächlich wirklicher halten als die, welche man ihm vorzeigte." Angenommen, man würde ihn nun gewaltsam und schnell den steilen und holperigen Aufgang zur Sonne hin schleppen und nicht eher ruhen als bis er ihr Licht erblickt hätte, würde er diese Gewalt nicht als schmerzlich empfinden und sich dagegen sträuben, und wenn er ans Licht käme, würde er dann nicht völlig geblendet von dem Glanze von all dem, was ihm jetzt als das Wahre angeboten wird, nichts, aber auch gar nichts zu erkennen vermögen?

Er würde sich also erst langsam daran gewöhnen müssen. Zuerst würde er die Schatten erkennen, dann die Menschen und Gegenstände, die wir für wirklich halten. Und dann erst die Sonne. (Genauer: Zunächst die nächtlichen Himmelserscheinungen und zuallerletzt die Sonne selbst, nicht bloß von anderen Gegenständen gespiegelte Strahlen, sondern sie selbst in voller Wirklichkeit an ihrer eigenen Stelle.) Und erst dann wäre er zu den richtigen Folgerungen imstande, nämlich daß sie es ist, die über allem waltet, was im sichtbaren Raum sich befindet, und in gewissem Sinne auch die Urheberin jener Erscheinungen ist, die der Mensch vordem in der Höhle gesehen hat. In Erinnerung an seine erste Wohnstätte und an sein dortiges Wissen und an seine dortigen Mitgefangen würde er sich doch nun für glücklicher halten wegen dieser Veränderung und jene bemitleiden.

Nehmen wir nun an, er erinnert sich auch an die Ehrungen, die es dort unten in der Höhle für diejenigen gab, die die vorübergehenden Gegenstände am schärfsten wahrnahmen und sich am besten erinnern konnten, welcher von ihnen eher und welcher später und welcher gleichzeitig vorüberging, um aufgrund dessen am sichersten das künftig Eintretende zu erraten, glaubst du, daß er die Ehren und Macht dort unten noch für attraktiv halten würde, oder glaubst du nicht eher, daß er lieber Regen und Wind über sich ergehen lassen würde als sich zurückzubegeben in den Bann der Trugmeinungen des Höhlenlebens?

Angenommen, er steigt trotzdem wieder hinab. Es brauchte erhebliche Zeit, bis seine Augen sich wieder an die Dunkelheit gewöhnten und er die Schatten erkennen könnte. In dieser Zeit würden die anderen ihn sicherlich verspotten, und es würde heißen, sein Aufstieg nach oben habe ihm geschadet und er sei mit Wahrnehmungsstörungen zurückgekommen. Schon der bloße Versuch nach oben zu gelangen sei verwerflich. Und wenn sie den, der es etwa versuchte, sie zu entfesseln und hinaufzuführen, irgendwie in die Hand bekommen und umbringen könnten, so würden sie das sicherlich tun.

So gibt es also zweierlei Störungen der Sehkraft: Erstens wenn man vom Licht in die Finsternis kommt und zweitens wenn man von der Finsternis ins Licht versetzt wird. Beobachtest du also Störungen der Seele und Verwirrungen (bei dir oder bei anderen), so überprüfe erst einmal, ob die Seele dabei ist, aus einem erleuchteten Leben hierher zu kommen, oder ob sie gerade aus dem Zustand großer Unwissenheit in den hellen Lichtes gelangt.

 

Bildung oder Therapie wäre dann nicht die Kunst, jemandem das Sehen beizubringen, sondern eher etwas wie die Umkehr des Kopfes, d.h. das Herstellen eines neuen Blickwinkels und die Methode, wie dies am leichtesten und wirkungsvollsten geschehen kann. Die Fähigkeit des Sehens vielmehr besitzt der Mensch schon, es ist nur nicht nach der richtigen Seite hingewendet. Einsicht wird demnach nur möglich und nützlich durch die Umkehr, wie andererseits durch ihr Mißlingen jede Einsicht unbrauchbar und sogar schädlich wird.

 

Literaturverzeichnis:

Bateson, Gregory: Ökologie des Geistes, Frankfurt/M. 1981

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Essen, Siegfried: Systemische Therapie als Praxis des Nichtanhaftens; in:Z.system.Ther. 11, 1993,S.32-38

Galuska, Joachim: Ich, Selbst und Sein; in: Transpersonale Psychologie und Therapie,1,1995 S 38-51

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Guntern, G.: Die kopernikanische Revolution in der Psychotherapie: der Wandel vom psychoanalytischen zum systemischen Paradigma. In: Familiendynamik,5,1980, S.2-41.

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Maharshi, Ramana; Sei, was du bist! Bern/München/Wien, 1991

Maturana, Humberto R.: Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Braunschweig, 1982

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Meister Eckehart: Deutsche Predigten und Traktate. Zürich 1979

Shazer, Steve de: Das Spiel mit Unterschieden, Wie therapeutische Lösungen lösen. Heidelberg 1992

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Walsh, Roger: Die transpersonale Bewegung. In: Transpersonale Psychologie und Therapie,1,1995 S.6-21

Watzlawik, Paul (Hrg): Die erfundene Wirklichkeit, Beiträge zum Konstruktivismus München/Zürich,1981

[1] Markus faßt so die Lehre Jesu zusammen: "Kehrt eure Wahrnehmung um (metanoiete), und glaubt der freudigen Nachricht."(Mk.1,15) -Eine sehr schöne Verdeutlichung des Begriffs der metanoia, den man als Umkehr, Buße, oder als Umdrehen des Kopfes übersetzt hat, bietet Sokrates in seinem Höhlengleichnis an.Dabei beschreibt er sogar die Schwierigkeiten, die denjenigen erwarten, der selbst diese Wahrnehmungsumkehr vollzogen hat, wenn er versucht, bei seinen früheren Gefährten Glauben zu finden. (Platon: Der Staat)

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