Siegfried Essen
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Die Ordnungen und die Intuition

Konstruktivismus und Phänomenologie im Einklang?[1]

 

Das Namenlose rief Himmel und Erde ins Leben
Das Nennbare ist die Mutter aller Dinge
Demnach enthüllt sich dem erwartungslosen Blick
Stets der Beweg-Grund
Dem erwartungsvollen Blick aber enthüllt sich
Stets die Begrenzung

Laotse: Tao te king

 

Autoritäre Interventionen?

Was beabsichtigen wir eigentlich, wenn wir unsere Aufstellungen machen? Bringen wir dann etwas wieder in Ordnung? Stellen wir die natürliche Rangordnung, die ursprüngliche zeitliche Reihenfolge, die Generationenhierarchie, oder wie immer wir die Ordnungsprinzipien auch nennen mögen, wieder her? Ist das Geheimnis der Aufstellungsarbeit bzw. ihres Erfolges, daß wir die Welt wieder in Ordnung bringen?

Ich spüre, wie der Diagnostiker in mir jubelt: „Zeig, was du kannst, Siegfried, du hast schließlich schon vor zwanzig-dreißig Jahren bei Satir, Minuchin und Borszomenyi-Nagy gelernt, was alles in Systemen nicht in Ordnung sein kann, wo Inkongruenz, Triangulation oder Verstrickung herrscht, und wie man sie wieder in Ordnung bringt, -damals mit viel Aufwand, heute mit Hilfe der Aufstellungsmethodik viel schneller und eleganter. Man braucht die Unordnung nicht einmal mehr zu analysieren, das läuft heute alles blitzschnell und intuitiv. Außerdem kommt noch deine große Erfahrung hinzu.“

„Deine Selbsthonorierung wird allmählich unanständig,“ meldet sich da die Stimme des Systemikers in mir. „Wovon lebst du eigentlich? Deine Abhängigkeit von Honorar und Erfolg stinkt zu Himmel. Von wegen objektive Systemdiagnose. Hast du vielleicht schon mal etwas von einem Paradigmenwechsel gehört, von der Unmöglichkeit objektiv zu beobachten und der folglich recht bescheidenen Rolle des Therapeuten als nichtwissender Partner im Umkonstruieren von Lebenserzählungen? Wenn du von Ordnungen redest, dann rede nicht abstrakt, sondern konkret von Mustern in einem speziellen Familiensystem, die oft auf schmerzhafte Weise nach Lösungen schreien. Die Ordnung wäre dann die Momentaufnahme des Wiedereintretens des Systems in den Lebensstrom.

Die Gefahr deines Denkens liegt darin, daß du dein quasi objektives, diagnostisches Wissen zur Konstruktion autoritärer Interventionen verwendest. Also bitte erinnere dich, wenn du Aufstellungen leitest: Schon das Aussprechen einer Diagnose ist eine Intervention, (schon das Denken). Du untergräbst das Leidensmuster oder du untermauerst es. Man kann nicht nicht intervenieren. Wir stehen immer in Beziehung. Wir sind Beziehung.“

Ich will diesen etwas ironischen Dialog jetzt unterbrechen. Ich werde ihn später fortsetzten, allerdings mit anderen Namen für die ewigen Kontrahenten. Die konstruktivistische Perspektive findet man schon bei Protagoras („Aller Dinge Maß ist der Mensch.“), die phänomenologische schon bei Platon einschließlich der Geringschätzung und des Unverständnisses gegenüber Protagoras.

Ich werde in einem ersten Teil meines Vortrages davon sprechen, was man im Rahmen der Aufstellungsarbeit unter Ordnungen verstehen könnte, danach darüber, ob es sie überhaupt gibt und wenn ja, in welcher Weise. Im zweiten Teil komme ich dann auf die Intuition und das Gewahrsein zu sprechen, als Hinweise auf einen nicht-objektivierenden Zugang zu systemischen Wirklichkeiten.

 

Ordnungen sind Fließstrukturen.

Wovon reden wir also, wenn wir von Ordnungen reden? Ich stelle sie mir vor wie die Struktur fließenden Wassers, etwa das Bild eines Wasserfalls. Der Lebensstrom zeigt offenbar auch solche Strukturen. Man kann sie allerdings nur von ganz weit außen wahrnehmen oder von ganz innen. (Wir werden darauf noch zurückkommen.)

 Ordnungen sind etwas Verborgenes, sagt deshalb Bert Hellinger, und sie sind etwas Gegebenes. Das heißt aber nicht automatisch, daß sie etwas Objektives oder Unveränderliches sind. Sie haben weder Substanz noch Kontinuität, sondern sie sind gesellschaftliche, vielleicht sogar in manchen Fällen menschheitliche Wirklichkeitskonstruktionen, dem Individuum allerdings vorgegebene Strukturen oder Gesetzmäßigkeiten des Systems, zu dem das Individuum gehört. Ich möchte die Ordnungen in Anlehnung an Rupert Sheldrake Gewohnheiten des Systems nennen. Sheldrake nennt die Naturgesetze Gewohnheiten der Natur und deutet damit an, daß auch sie zeit- und kontextgebunden sind. Ordnungen sind überindividuell, aber nicht ewig, Fließmuster des Lebens. Ihre scheinbar konstante Struktur kommt durch die Wiederholung und durch die Begrenzung unserer Sinne zustande, wie die Illusion eines Filmes.

Ordnungen werden nicht ohne Folgen überschritten. Das System reagiert auf Grenzüberschreitungen, und zwar nicht nur der betroffene Einzelne oder irgendwelche Ordnungshüter. Es reagiert auch oft über mehrere Generationen. Andererseits: Alle großen Revolutionäre, Reformer und Religionsstifter haben gewaltig viele Ordnungen überschritten. Eingriffe in Gegebenes mit Konsequenzen, die für viele zum Segen und für manche zum Fluch gerieten.

 

 

Abb.1:  Eine Ordnung der „Ordnungen“

 

Ich habe hier nur als Beispiel einige für unser Wohlbefinden in Systemen oft zentrale Ordnungen herausgegriffen und sie der Wichtigkeit nach geordnet, wobei ich von der zweiten Ebene an auf die genauere Analyse von Matthias Varga von Kibed und Insa Sparrer (1998) verweise.

Die umfassendste Ebene ist m.E. das Leben, die Existenz. Die entsprechende Ordnung weist darauf hin, daß Mord oder Totschlag nicht ohne schwerwiegende Folgen bleiben. Vielleicht lautet die zugrundeliegende Gesetzmäßigkeit so: „Wird ein Teil des Systems getötet, so stirbt das Gegen-Teil auch.“ Oder: „Es ist unmöglich, einen Teil des Ganzen zu eliminieren.“ Die zweite Ebene ist die der Zugehörigkeit. Diese Gesetzmäßigkeit könnte man so formulieren: „Wird jemand ausgeschlossen, so tritt jemand anderer an seine Stelle.“

Die dritte Ebene ist die der zeitlichen Reihenfolge: Innerhalb von Systemen hat der Frühere Vorrang vor dem Späteren. Zwischen Systemen ist es umgekehrt: Das spätere, jüngere System hat Vorrang vor dem älteren. Vierte Ebene: Der Einsatz einer Person für das Ganze. Fünfte Ebene: Die persönlichen Fähigkeiten usw.

Diese Prinzipien stehen nicht gleichrangig nebeneinander, sondern stellen Ebenen dar, die hierarchisch geordnet sind, also eine Metaordnung darstellen. Ein Verstoß gegen das dritte Prinzip z.B. wird vom System weniger wichtig genommen als ein Verstoß gegen das zweite Prinzip. Anders formuliert: Erst wenn alle Ausgeschlossenen ihren Platz gefunden haben (zweites Prinzip), wird es wichtig, sich um die Reihenfolge z.B. der Geschwister oder der Partner zu kümmern (drittes Prinzip).

Es scheint nun so, als ob diese Ordnungen oder Gesetzmäßigkeiten erst dann in Kraft treten oder wirksam werden, wenn sie gestört oder gebrochen werden. Fast als ob es sie positiv nicht gibt. Ordnungen sind wie Wege, die erst einmal nur über ihre Grenzen definiert werden. Sie sind zunächst nicht positiv greifbar oder wahrnehmbar. Schon ihre Benennung gaukelt uns Substantialität vor und birgt so die Gefahr des autoritären Mißbrauchs. Was man benennen kann, ist nicht der Sinn, heißt es im Tao Te King.

 

Das Definieren und Beschreiben von Ordnungen

 

Abb.2a:Weltsicht der Liebe. Die Welt ist in Ordnung („GUT“). Unordnung („BÖSE“) ist ein Wirbel im Strom des GUTEN, der dazu dient, das Strömen und die Richtung des GUTEN zu erkennen (nach Buber).

 

 

Abb.2b: Weltsicht der Angst: Die Welt ist in Unordnung. Ordnung muß von uns hergestellt und aufrechterhalten werden.

 

In Abbildung 2a ist die Ordnung der implizite Kontext für die Unordnung. Es ist das Wesen unseres begrifflichen Denkens, daß alles, was explizit wird, damit auch definiert, d.h. begrenzt wird. Darum ist es fast immer besser, Ordnungen im Verborgenen zu lassen. Östliche Denker haben Gegenbegriffe dafür gebildet: Leere oder Tao. Martin Buber  spricht vom Guten auch als eine Art Ordnung: “»Gut« ist die in die Richtung auf Heimkehr gestreckte Bewegung. »Böse« ist der Wirbel der richtungslos kreisenden Möglichkeitskraft des Menschen, ohne die nichts gerät, durch die, nimmt sie die Richtung nicht an und bleibt sie verfangen, alles mißrät.“ (1984 S.261) Der Wirbel als ganzer macht das Strömen und die Richtung des Guten erst erkennbar. Innerhalb des Wirbels zeigt sich das, was wir normalerweise als gut und böse bezeichnen.

In Abbildung 2b wird Ordnung explizit definiert. Damit setzt man Unordnung als impliziten Kontext und es entsteht natürlich Angst, die wiederum ihr eigenes Weltbild rekursiv bestätigt. Man könnte sich vorstellen, daß das untere Bild aus dem oberen hervorgegangen ist durch Definition der Ordnung. Dadurch wird natürlich aus Ordnung etwas völlig anderes: Aus einem heimwärts gerichteten Strom wird ein Gesetz, das erzwungen und verletzt werden kann, das die Mächtigen zum Mißbrauch einlädt und die Schwachen zum Mißverstehen.

Vielen ist auch die Ähnlichkeit dieser Ordnungsvorstellungen mit religiösen Normen, speziell den zehn Geboten aufgefallen. Auch im Dekalog gibt es zwei Arten von Formulierungen, positive und negative. Ein Beispiel für eine positive Formulierung: „Ehre Vater und Mutter“, ein deutlicher Hinweis auf die Würdigung des Früheren. Ein Beispiel für eine negative Formulierung wäre das Gebot: „Du sollst nicht töten.“ Bei diesen negativen Formulierungen wird nicht die Ordnung definiert, in diesem Fall das Leben, sondern das, was die Ordnung stört. Es wird nicht definiert, was in Ordnung ist, sondern was nicht in Ordnung ist. Entgegen dem ersten Anschein scheint mir das humaner zu sein. Wir brauchen dabei viel weniger zu definieren, als wenn wir Ordnung definieren.

Negative Formulierungen bzw. Lesarten benennen Grenzen, deren Überschreiten Konsequenzen hat, die das ganze System betreffen.

Positive Formulierungen haben auch ihren Platz, sie zeigen Fließstrukturen des Lebens. Natürlich kann man von diesem Strom auch reden. Man sollte das Leben aber nicht definieren, sondern hineinspringen, es vollziehen und feiern. Dann ist es sehr wohl angebracht, explizit von Ordnungen zu reden: „Ehre Vater und Mutter“ z.B. ist dann ein Hinweis auf den Segen, den es bringt, die zu würdigen, die vor uns waren und von denen wir das Leben haben. Ein Hinweis auf den Lebensstrom.

 

Rituale und Definitionen

In der Aufstellungsarbeit geben wir dem viel Raum: In kleinen symbolischen Handlungen, Sätzen, Ritualen, im Anschauen und Hinhören, im Verbeugen und sich an seinen Platz stellen vollziehen wir das Leben, die Zugehörigkeit, die Rangordnung usw. Vollzüge, wie sie in allen spirituellen Traditionen vorkommen, in Ritualen des Dankens und Feierns, des Übergangs und des Abschieds, der Reinigung und der Heilung. Mir wird dabei klar, warum diese Vollzüge der symbolisch-rituellen Wirklichkeit zugehören müssen. Hier geht es nicht ums Herstellen von Ordnungen, sondern um Einstimmung in Gegebenes, alles andere wäre Anmaßung, eine Sichtweise der Angst.

Wenn ich einer Ordnung zustimme, z.B. indem ich eine Aufstellung mache, helfe ich mit, sie ins Fließen zu bringen, und entgrenze sie. Das System kann über sie hinausgehen und weiterfließen, wird wieder lebendig. Wenn es aber ums sprachliche Definieren geht, ist es gefährlich, explizit, bzw. positiv von Ordnungen zu sprechen. Zu leicht werten wir andere ab und engen die Grenzen ein, innerhalb deren man „in Ordnung“ ist. Wir kommen dann in die Gesellschaft derer, die Richtlinien für lebenswertes Leben entwerfen, für Rechtschaffenheit, für ordentliche Familien, für Volkszugehörigkeit usw. und die damit natürlich Machtverhältnisse zementieren und neues, kreatives abwerten. Alle faschistischen und fundamentalistischen Strömungen verwenden diese Methode. Wege werden ja auch durch die Menge der Benutzer schließlich positiv sichtbar. Abdrücke von Vielen, die sich an die Grenzen gehalten haben.

 

Systemgewissen gegen inneres Wissen

Bert Hellinger hat unser Bewußtsein von Grenzen Systemgewissen genannt, sozusagen „die Stimme des Systems“. Sie spricht oft noch von Gesetzen, wenn sie schon lange nicht mehr allgemein gelten. Deshalb ist es wichtig, das Systemgewissen vom inneren Wissen zu unterscheiden. Das Systemgewissen scheint einen Eins-zu-Eins-Zusammenhang zwischen einem Vergehen und seiner Sühne innerhalb des Systemganzen anzunehmen, „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Sowohl die Bibel alten und neuen Testaments als auch die buddhistische Karma-Lehre sprechen von einem Gesetz oder einer Ordnung von Ursache und Wirkung, die mit dem sog. Sündenfall menschheitsgeschichtliche Wirklichkeit geworden ist. „Was du säst, wirst du auch ernten.“ Und das Systemgewissen erinnert uns manchmal, durchaus nicht immer, an diese systemische Wirklichkeit d.h. an die Notwendigkeit, daß die Konsequenzen einer Übertretung zu tragen sind.

Beim Familien-Stellen stoßen wir dann immer wieder auf die kindlich-magische Idee, als könnten wir stellvertretend für andere die Konsequenzen tragen, ihnen sozusagen ihr Schicksal abnehmen. Das aber bezeichnet Hellinger mit Recht als Anmaßung, und durch Anmaßung entsteht Verstrickung. Hellinger nennt das Motiv dafür manchmal sehr freundlich „Bindungsliebe“. Andere nennen es Wahnsinn.

Bindungsliebe erfindet solche Lösungsversuche wie das stellvertretende Sühnen, das Ausgleichen, das Hinterhergehen usw. Aber es sind Lösungen erster Ordnung, die das Leid verlängern, das sie beenden wollen. Zumindest im Neuen Testament wird die stellvertretende Sühne explizit den Menschen aus der Hand genommen. Die Aufhebung der systemischen Verstrickung wird hier zur Sache Gottes, d.h. sie wird transzendiert. Wir Menschen haben da nichts mehr zu tun, unsere Aufgabe ist die glaubende Anerkennung, die Vergewisserung durch rituellen Nachvollzug. Ich vermute, daß man in Bezug auf die buddhistische Karma-Lehre ähnliches sagen kann.

Eine wirkliche Heilung oder Befreiung aus der Verstrickung bedarf eines Ebenenwechsels, einer Lösung zweiter Ordnung. Verstrickung wäre in diesem Modell das eigenmächtige Herstellen und Fixieren oder Definieren einer Ordnung über den Moment ihrer Wirklichkeit hinaus.(Abb.2B)

Eine Lösung von dieser Lösung ist eigentlich ein Aufgeben von Eigenmacht, ein Tun des Nichttuns. Veränderung geschieht, indem ich absichtsvolle Veränderung aufgebe. Eine Lösung zweiter Ordnung ist nicht machbar, ist wie ein plötzliches Geschenk einer neuen Sichtweise. Nicht durch Einmischung und Verstrickung erfüllen wir das Gesetz des Karma, sondern durch Wahrnehmung und Zustimmung löst sich der Bann, genauer gesagt durch ganzheitliches Gewahrsein, nicht mehr durch Machen, sondern durch symbolische Akte des Gewahrseins und der Anerkennung.

 

Von begrifflicher zu nicht-begrifflicher Wahrnehmung

Dabei wechselt unsere Erkenntnisweise von begrifflicher zu nicht-begrifflicher Wahrnehmung, die ich intuitives Gewahrsein nennen möchte. Damit meine ich den Prozess der Gestaltwerdung dessen, was vom Ganzen in uns einströmt, wenn wir gesammelt und leer sind. Die inneren Sinne teilen sich uns dabei in Bildern und Begriffen der äußeren Sinne mit, der Sprache unseres normalen geborgten Bewußtseins. Sie imitieren die äußeren Sinne, wie die Intuitionsforscherin Gail Ferguson sagt, weil sie sich uns zunächst nicht anders mitteilen können. Der Beitrag des Ich zum intuitiven Gewahrsein ist das Leerwerden, die Sammlung, die Dekonstruktion unserer geborgten, strukturdeterminierten begrifflichen Wahrnehmung. Die Bilder und Gedanken, die dann aufsteigen, sind sekundär, sind unsere Übersetzung oder Lesart.

Zum Training des intuitiven Gewahrseins gehört also das Training der Unterscheidung zwischen begrifflicher und nicht-begrifflicher Wahrnehmung und die bescheidene Relativierung des Begriffenen. Gerade der Umgang mit der Intuition braucht das Bewußtsein der Konstruktivität aller ihrer Ausdrucksformen, sonst wird er autoritär. Ich bin immer skeptisch, wenn jemand sich explizit verbal auf seine Intuition oder seine phänomenologischen Beobachtungen beruft, es kann sich schließlich immer nur um eine Übersetzung handeln. (Bert Hellinger sagt einfach: „Mein Bild ist....“, und scheint ihm dann zu folgen, wenn es Kraft hat, d.h. für mich, wenn es mit der Bewegung des Stromes übereinstimmt.)

Die Möglichkeit der Dekonstruktion unserer begrifflichen Wahrnehmung ergibt sich logisch, ja zwingend aus den Ergebnissen des Konstruktivismus. Im Anschluß an Piaget schreibt Varela dazu: „Erkennen besteht mithin nicht aus Repräsentationen, sondern aus verkörpertem Handeln.“(1994 S.25) „Nach der vollzugsorientierten Auffassung ist die Realität nicht einfach vorgegeben: Sie ist vom Wahrnehmenden abhängig und zwar nicht, weil er sie nach Belieben ‘konstruieren’ könnte, (das ist eine Karikatur das Konstruktivismus), sondern weil das, was als relevante Welt zählt, unlöslich mit der Struktur des Wahrnehmenden verbunden ist.“ (S.20f)

 

Konstruktivisten und Phänomenologen einigen sich.

„Wir können die Wirklichkeit nicht abbilden,“ sagen die Konstruktivisten. „Wir können sie nur begreifen. Wahrnehmung ist Beziehung. Wir bringen uns selbst ein in das, was wir zu begreifen suchen. Die Struktur unserer Denk- und Wahrnehmungsorgane determiniert zu 90 %, was wir wahrnehmen.“

„Aber,“ sagen die, „relativiert ihr nicht zu sehr die andere Seite der Beziehung? Bis dahin, daß ihr sagt, es gibt sie nicht? Und betont nur die eigene innere Struktur der Lebewesen als ausschlaggebend für die Wahrnehmung? Wir glauben, daß uns die größere Wirklichkeit als ein Gegenüber gegeben ist. Das mag ein Gottesbegriff sein. Aber diese Seite zu leugnen ist gefährlich, weil sie zur Überheblichkeit führt, wenn man sich selbst als Konstrukteur aller Wirklichkeit betrachtet.“

„Wir betrachten uns nicht als Konstrukteur aller Wirklichkeit,“ erwidern die Konstruktivisten, „weil wir gar keine Aussage über sie machen können. Alle Aussagen, alle Namen und Begriffe und Bilder gehen an ihr vorbei. »Was man benennen kann ist nicht das Tao.« Wir vollziehen eigentlich nur das biblische Gebot: »Du sollst dir kein Bild machen.« Du wirst dir kein Bild machen, weil du es nicht kannst. Es gibt kein Bild von der letzten Wirklichkeit. Alle Bilder und Begriffe von Ihr sind selbstgemacht, sagt die Bibel. »Bete sie nicht an!« Das ist es, was wir meinen, wenn wir sagen, unsere Wahrnehmung der Welt sei strukturdeterminiert, unsere eigene Konstruktion. Zu der eigentlichen Wirklichkeit haben wir keinen Zugang, wenn es sie überhaupt gibt.“

„Genau dieser letzte Satz verrät euch,“ sagen die Phänomenologen. „Mit der Behauptung, wir haben keine Zugang zu ihr, geht ihr zu weit. Ihr leugnet unser aller Wissen um die Möglichkeit der Begegnung mit dem Größeren, mit dem Feld, mit dem Fluß eines lebendigen Systems. Wir vermuten sogar, daß ihr in Zweifel zieht, daß es etwas uns Gegebenes überhaupt gibt. So wie ein protestantischer Theologe sich einmal zu dem Satz verstiegen hat: »Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.« Ihr wißt ganz genau, daß ihr uns damit bei etwas trefft, was uns heilig ist. Seid ihr wirklich bereit, einen Teil eurer Erfahrung zu verdrängen, nur um einer schönen Provokation willen? Nämlich den Teil, den man Gewahrsein nennen könnte oder unmittelbares Bewußtsein der Gegenwart. Ihr habt recht, man kann und darf diesen Teil der Begegnung mit der Wirklichkeit nicht benennen. Aber ist es nicht allzu bequem, ihn deshalb gleich zu leugnen?“

„Bequemlichkeit könnten wir euch auch vorwerfen,“ antworten die Konstruktivisten. „Tut ihr nicht öfter vor euren Klienten oder auch Kollegen so, als hättet ihr das Wesen erfaßt. Das Wesentliche erfassen wir nicht, es erfaßt uns. Und unsere sprachliche, begriffliche Fassung ist immer nur eine Übersetzung solcher Begegnung, solchen Gewahrseins. Uns liegt auch etwas am Herzen: Wir sind sehr wachsam gegen jede sprachliche Inanspruchnahme eines privilegierten Zugangs zur Wirklichkeit. Bitte nennt die Begegnung nicht Wahrnehmung. Bitte nennt sie erst recht nicht Wissen.“

„Es ist aber eine Art von Wissen,“ sagen nun die Gegner, die längst keine Gegner mehr sind. „Gewahrsein ist verbunden mit einer Art unmittelbarer Gewißheit. Aber ihr habt recht, es ist eine andere Art von Wissen als das objektivierende Wissen, das ihr zu dekonstruieren sucht. Und wenn wir manchmal sprachlich autoritär wirken, dann beobachtet uns bitte genau, ob es aus einer Begegnung heraus geschieht in höchster Absichtslosigkeit und in einer Art Neutralität, die einer von euch Respektlosigkeit genannt hat, oder ob wir es aus Bequemlichkeit tun, um irgendwelche ehrwürdigen therapeutischer Ziele leichter zu erreichen.“

Ich beende das Gespräch hier. Es spiegelt sich in der Auseinandersetzung zwischen den Fundamentalisten und den Nihilisten. Oder auch zwischen den Positionen der Relativisten und der Idealisten. Besteht alles aus Wellen oder alles aus Korpuskeln? Gibt es die Zwei oder gibt es nur die Eins? Ist alles Beziehung oder ist die Wirklichkeit auch gegenständlich? Die großen unter den Konstruktivisten: Heisenberg, Bateson, von Förster, von Glasersfeld, Maturana, Varela und viele andere, entziehen sich dieser Alternative und bezeichnen sie als Konstrukt unserer begrifflichen Wahrnehmungsstruktur oder als Folge des Einsatzes der unterschiedlichen Wahrnehmungsinstrumente, die wir Menschen zur Verfügung haben. Sie bezeichnen die Freiheit als unser wichtigstes Gut, zu wählen, wie wir uns und die Welt sehen, z.B. in Liebe oder in Angst, und die Verpflichtung uns diese Wahlfreiheit durch keine noch so nützliche Überzeugung oder bequeme Gewohnheit nehmen zu lassen. Das wichtigste Gewohnheitsmuster, das es zu durchbrechen gilt, ist mit Varelas Worten, „die Selbstverständlichkeit unseres Gefühls einer unabhängigen Realität der Welt.“(1994 S.106)

Intuition und Dekonstruktion widersprechen sich nicht, sondern brauchen einander. In der therapeutischen Arbeit z.B. heißt das, jederzeit bereit zu sein, Ordnungsvorstellungen fallen zu lassen, wenn Kontext und Beziehung es erfordern. Man räumt dem intuitiven Erfassen eines Phänomens den Vorrang ein gegenüber dem begrifflichen. Die Ordnungsprinzipien bleiben dabei im Hinterkopf. Sie haben dienende Funktion. So sagt Hellinger in „Ordnungen der Liebe“: „Ordnung heißt für mich: jeder hat seinen richtigen Platz. Das aber hängt von vielen Faktoren ab und ist daher in vielen Aufstellungen verschieden. Ich hüte mich, da allgemeine Gesetze festzulegen, obwohl ich gewisse Ordnungen sehe, nach denen ich mich erst einmal orientiere; von denen ich aber abweiche, wenn ich sehe, daß es anders ist.“ (1994, S.442)

Man hat den intuitiven Zugang mit den unterschiedlichsten Begriffen zu umschreiben versucht: Intuition, Inspiration, unmittelbares Gewahrsein, Präsenz oder phänomenologische Wahrnehmung usw. Namen für verschiedene Nuancen von einer eigentlich nicht benennbaren Wirklichkeit.

 

Das Gewahrsein von Atmosphären

Der Philosoph Gernot Böhme, der dabei auf den Phänomenologen Hermann Schmitz zurückgeht, beschreibt einen Aspekt dieser Wirklichkeit mit dem Begriff der Atmosphäre, und er weist auf einige für uns Therapeuten wichtige Punkte hin:

1.      „Der primäre Gegenstand der Wahrnehmung sind die Atmosphären .....auf deren Hintergrund dann durch den analytischen Blick so etwas wie Gegenstände, Formen, Farben usw. unterschieden werden.“(1995, S.48) Zuerst kommt also das Gewahrsein von Atmosphäre, die nicht-begriffliche Wahrnehmung und dann die begriffliche.

2.      Atmosphären sind veränderbar. Alle ästhetischen Arbeiter vom Künstler bis zur Werbefachfrau, von der Märchenerzählerin oder Musikerin bis zum Therapeuten schaffen und verändern Atmosphären. Das Wissen darum in der Kunst, in der Werbung, in der Politik, der Kosmetik, im Design und auch in der Therapie ist bisher mehr oder weniger implizit und wird erst heute allmählich artikuliert. Nach Böhme handelt es sich dabei „vielfach um handwerkliche Fähigkeiten..., die kaum durch Worte, sondern vielmehr durch Vormachen in Lehrer-Schüler-Verhältnissen weitergegeben werden.“( S.36)

3.      „Wahrnehmen ist im Grunde die Weise, in der man leiblich bei etwas ist, bei jemandem ist oder in Umgebungen sich befindet.“(ebd. 47f)

4.      „Die Atmosphäre ist die gemeinsame Wirklichkeit des Wahrnehmenden und des Wahrgenommenen.“ „Die Atmosphären sind ....weder ... etwas Objektives, nämlich Eigenschaften, die die Dinge haben,....noch....etwas Subjektives, etwa Bestimmungen eines Seelenzustandes.“ (ebd. 33f)

Ob wir nun Aufstellungsleiter oder Rollenspieler sind, wir reagieren also mit unserem intuitiven Gewahrsein als Leib auf das Ganze, dessen Teil wir sind. Wir als Berater nehmen also nicht nur die Person mit ihrem Problem wahr, sondern wir reagieren auch auf den impliziten Kontext, den Menschen und seine Wirklichkeitskonstruktion, in der er sich gefangen hält. Mit unserer bewußten Wahrnehmung nehmen wir den Vordergrund auf und mit dem intuitiven Gewahrsein das Ganze. Und dies geschieht, ob wir es wollen oder nicht, und auch ob wir unser Spüren beachten oder nicht. Auch und gerade auf dieser Ebene können wir nicht nicht kommunizieren. Ja, es handelt sich beim intuitiven Gewahrsein sogar um unsere primäre Kommunikation, von der wir allerdings oft wenig Gebrauch machen.

Nebenbei gesagt, glaube ich, daß sie bei Nichtgebrauch verkümmert. Eine zeitsparende Verkrüppelung, könnte man sagen, aber das Maß, in dem wir unsere Betroffenheit und Resonanzfähigkeit einschränken, ist auch das Maß mit dem wir Lebensqualität und Liebesfähigkeit beschneiden. Vielleicht liegt dieser Selbstverstümmlung ja auch ein Mißverständnis (Irrtum) zugrunde: Wir glauben, wir müßten das, was wir intuitiv gewahren, auch gleich von uns geben oder irgendwie einsetzen.

 

Schritte in den Raum des Nicht-Wissens

Ich habe einmal eine Gruppe von Therapeuten gefragt, wie sie es machen, den Strom des normalen begrifflichen Denkens zu unterbrechen, um Raum zu schaffen für eine tiefere oder umfassendere Art der Wahrnehmung. Manche sprachen davon, daß sie sich ihre Gedanken und Konzepte bewußt machen und relativieren. Andere beschrieben konkreter, wie sie versuchen, sich umzustellen, indem sie den Blick defokussieren oder indem sie vom Hören aufs Sehen umschalten, manche auch aufs Fühlen. Andere beschrieben das, was Böhme Synästhesien nennt, das Wahrnehmen solcher „Qualitäten, die in mehreren Sinnesbereichen vorkommen“(ebd. 54). Manche bewegen sich leiblich ins Feld des Klienten oder der Aufstellung hinein, anderen wiederum aus dem Feld heraus usw.

Immer werden Techniken beschrieben, mit denen man das gerade laufende Denk- und Verhaltenskonzept unterbricht und sich in einen Zustand der Rezeptivität begibt, der auch beschrieben wird als Zustand der Stille, der Sammlung oder des Leerwerdens. Und immer geht es auch um leiblich-sinnliche Anwesenheit und Präsenz. Ein riskanter Schritt in einer bezahlten Begegnung, wie es Beratung oder Therapie meist ist, weil man ja nicht weiß, ob und was dabei herauskommt. Aber ich denke, von diesem Schritt in den Raum des Nicht-Wissens lebt jede Therapie, auch die Aufstellungsarbeit. Aber das Erstaunlichste an dieser Befragung war für mich, daß alle in dieser Therapeutenrunde auf meine Frage eine Antwort hatten, auch wenn sie sie nicht sofort formulieren konnten. Wir kennen also alle diesen Vorgang des Innehaltens, der Unterbrechung des Denkens und Hypothetisierens.

Hierhin gehören auch die Ordnungen und Gesetze des Zusammenlebens in menschlichen Systemen. Sie sind ja nichts anderes als Maßstäbe für ein heilsames Zusammenleben, eingebettet in ein von uns kulturell gemeinsam konstruiertes Werte- und Glaubenssystem. Sie gehören nicht ins Feld des Gewahrseins. Sie gehören ins Feld der begrifflichen Wahrnehmung.

Ich möchte mit zwei Bemerkungen schließen, die sich an Ludwig Wittgenstein anlehnen: Ordnungen sind nicht vor der Aufstellung gültig, sondern in ihr. So wie es eine Regel nicht unabhängig von ihrer Befolgung gibt, sondern nur in ihr. Wenn man darüber spricht, abstrahiert man vom Kontext und vom Zeitpunkt. Und zweitens: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.“ (1984, S.85)

 

Literatur:

Böhme, Gernot (1995): Atmosphäre. Frankfurt (Suhrkamp)

Buber, Martin (1984): Das Dialogische Prinzip. Heidelberg (L. Schneider)

Hellinger, Bert (1994): Ordnungen der Liebe. Heidelberg, (Carl Auer Systeme)

Sheldrake, Rupert (1994): Die Wiedergeburt der Natur. Reinbek (Rowohlt)

Sparrer, Insa (1998) in: G.Weber (Hg.) Praxis des Organisationsstellens. Heidelberg, (Carl Auer Systeme)

Varela, Francisco J. (1994): Ethisches Können Fankfurt/M. (Campus)

Wittgenstein, Ludwig (1984): Tractatus logico-philosophicus. Frankfurt (Suhrkamp

 

 

[1]Erschienen in: G. Weber (Hg.): Derselbe Wind lässt viele Drachen steigen. Systemische Lösungen im Einklang. Heidelberg, 2001 (Carl-Auer-Systeme), S.98 - 111

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